Denkanstöße zur Baukultur

Der renommierte Architekt Hans-Ullrich Grassmann hat im Aalener Rathaus vor rund 150 Besuchern interessante Perspektiven moderner Architektur eröffnet. Viele seiner Ausführungen zu „einfach.hüllen“ ließen sich auf lokale Fragestellungen übertragen und lieferten wertvolle Denkanstöße für die zahlreich anwesenden Bauherren und Architekten.

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Seit 2009 veranstaltet die Stadt Aalen gemeinsam mit der Architektenkammergruppe diese Veranstaltungsreihe. Mit Vorträgen bekannter Architekten wird „Planen – Bauen – Wohlfühlen in Aalen“ vor dem Hintergrund international bedeutender Architekturprojekte thematisiert. „Wir wollen damit die Diskussion um Wohnkultur und Architektur anregen“, erklärt Baubürgermeisterin Jutta Heim-Wenzler.

Hans-Ullrich Grassmann ist Partner im Architekturbüro Baumschlager Eberle mit Standorten in Lochau (Vorarlberg), Wien, St. Gallen, Zürich, Vaduz, Berlin, Hanoi, Hong Kong und Peking. Grassmann zählt zu der renommierten zweiten Generation der „Vorarlberger Schule“. Der bekannte Architekt will dazu beitragen, dass zeitgenössische Architektur Verantwortung für die Zukunft übernimmt und damit wieder stärker in der Gesellschaft verankert wird. „Was verstehen wir unter einem nachhaltigen Gebäude?“, fragte Grassmann und zeigte in seiner Präsentation ein traditionelles Holzblockhaus vor dem Hintergrund der Schweizer Alpen.

Dass zukunftsorientierte, nachhaltige Architektur mehr ist als ein wärmegedämmtes Bauwerk, dass sie das Lebensgefühl prägt und Ausdruck des gesellschaftlichen Miteinanders ist veranschaulichte der Referent an zahlreichen Beispielen. „Ein Gebäude ist auch mehr als ein Gebrauchsgut, weil es das Stadtbild für Jahrhunderte prägen kann.“ Grassmann appellierte daher an Bauherren, Architekten und die Bauverwaltung den Städtebau ernst zu nehmen.

„Man muss Architektur als etwas immaterielles, als kulturellen öffentlichen Akt begreifen, der einen Mehrwert schaffen muss. So begriffene Architektur gibt als bebaute Umwelt den Menschen Sicherheit, Halt und Struktur auch im Zeitalter einer hektischen und rastlos wirkenden Zeit.“

Gute Architektur müsse im Übrigen Antworten auf den konkreten Ort suchen, die so unterschiedlich sind, dass gute Architektur nicht immer gleiche Antworten liefern kann. Er erläuterte dies an überwiegend preisgekrönten Projekten seines Büros: Einem kleinen Einfamilienhaus in Vorarlberg, das mit seiner archaischen Holzfassade sehr sensibel auf die Umgebung reagiert. Die Wohnanlage „Sebastianstraße“ in Dornbirn gibt mit einer transluzenten Fassade aus verschiebbaren Milchglasscheiben eine sehr zurückhaltende bauliche Antwort auf die historische Umgebung und schafft auf einer Baulücke in guter Lage eine Heimat für zahlreiche Bewohner sowie einen baukulturellen Mehrwert im Ortsbild.

Bei der Siedlung Ruggächern in Zürich wurden alte Bäume auf dem Baugrundstück erhalten, dies hat wesentlich zur Akzeptanz im Umfeld beigetragen. Beim Wohn- und Geschäftshaus Wolfurt spielt der Architekt mit nachhaltigen und natürlichen Baumaterialien und schafft damit ein lebendiges und gleichzeitig zurückhaltendes Gebäude, das im lichtdurchfluteten Innenraum unerwartete Ausblicke in die Umgebung zulässt. Am ETH e-Science Lab - einem Hochschulbau in Zürich - zeigte Grassmann, dass Nachhaltigkeit bei Bauaufgaben sich nicht nur auf die Ökologie beziehen kann. „Im Bauwesen gibt es eine ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit, die in erster Linie durch gute, auf den Ort bezogende Architektur und nicht durch technisches Beiwerk geschaffen werden kann.“
© Stadt Aalen, 30.03.2012