Pokorny-Kunstwerk enthüllt

Seit Wochen fragen sich die Aalener, was sich unter der Folie auf dem neuen Kreisel hinter der Kreissparkasse verbirgt.

Und weil es guter Brauch bei den Reichsstädter Tagen ist, dass beispielsweise eine öffentliche Einrichtung eröffnet oder seiner Bestimmung übergeben wird, wurde am vergangenen Samstag von Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle das Geheimnis enthüllt: Es handelt sich um eine Skulptur von Prof. Werner Prokorny mit dem Namen "Haus/Haus". Die Skulptur, so das Stadtoberhaupt, sei in doppelter Weise ein positives Signal. Sie zeige zum einen, dass eine Stadt mehr sei als die Ansammlung von Infrastruktur. Zum anderen sei es auch hoch zu bewerten, dass die Skulptur zu 75 Prozent von Sponsoren finanziert wurde.
© Stadt Aalen, 15.09.2003
OB Ulrich Pfeifle, Prof. Werner Prokorny und BM Manfred Steinbach

Bürgermeister Manfred Steinbach stellt die Skulptur vor

In einer beeindruckenden Rede stellte Bürgermeister Manfred Steinbach das Kunstwerk als auch den Künstler Prof. Werner Prokorny vor. Nachfolgend die Rede von Bürgermeister Manfred Steinbach in voller Länge: Vor sechs Jahren habe ich bei einer Ausstellungseröffnung über Kunst am Bau folgendes gesagt:"Am meisten ärgert mich die Ignoranz derjenigen, die das Gesicht der öffentlichen Räume gewaltig prägen, aber fest behaupten, Straßenbau habe mit Städtebau aber auch rein gar nichts zu tun, auch Brückenbau nicht. Und stellen eine Hochstraße mitten in die Stadt, dass man Lust bekommt, eine Fortbildung an der VHS als Sprengmeister zu beginnen. Sobald in der Begründung zu einem Zuschussantrag für den Bau einer Straße die Formulierung "aus städtebaulichen Gründen" leichtsinnigerweise auftaucht, zuckt der Rotstift zwanghaft in der Hand des Prüfers: Gestrichen. Gestaltung, öffentlicher Raum, ästhetischer Wert dürfen nicht vorkommen, sind zuschussschädlich. Ich will ja eigentlich keinen Streit anfangen, aber diese Haltung ist militant kulturfeindlich. Sie stellt sich außerhalb jeden Anspruchs auf Integration ihrer Aufgabe in das Gesamtwerk der Arbeit an einer Stadt. Nein, sie stellt sich nicht nur außerhalb, sie wirkt dagegen." Soweit das Zitat von vor sechs Jahren. Ich gebe zu, es war ziemlich zornig. Die Zeiten sind seitdem nicht besser worden. Für Gestaltung, für Kunst gibt es nach wie vor keine Gelder. Und die Streichkonzerte landauf landab streichen immer zuallererst bei den vermeintlich unnötigen Sachen: bei Kunst und Kultur. $(text:b:"Juli 2000: Zukunftsweisender Beschluss")$ Aber: Bei uns in Aalen haben sich gegen diesen Trend die Dinge entscheidend verändert. Der Gemeinderat hat im Juli 2000 einen – wie ich meine – zukunftsweisenden Beschluss gefasst und zwar nahezu einstimmig, inhaltlich war großer Konsens: Das Konzept "Kunst im öffentlichen Raum" wurde gebilligt. Vier Kunstwerke namhafter Künstler Heinz Mack auf dem Bahnhofsplatz, Stefan Balkenhol am Neuen Tor, Werner Pokorny hier auf dem Kreisel und Rudolf Kurz und dazu Gestaltanforderungen für die anstehenden Verkehrsbauwerke, vor allem die Kreisel. In der Tat war dieser Beschluss gut für unsere Stadt und er war zukunftsweisend und mutig. Immerhin ein Paket von rund 330.000 Euro, davon etwa 25 Prozent, rund 80.000 Euro städtische Mittel. Ohne die Zusage über 3/4 der Kosten durch örtliche Sponsoren wäre dieser Beschluss aber nicht zustande gekommen. Ich will deshalb ausdrücklich nochmals den Sponsoren und dem Gemeinderat für ihre Beschlüsse und Zusagen sehr herzlich danken. $(text:b:Kunst im öffentlichen Raum ist ein Stück Lebensqualität)$ Ich bin der festen Überzeugung, dass Sie sehr viel für unsere Stadt getan haben. Kunst im öffentlichen Raum ist ein Stück Lebensqualität, ein Stück Identität, auch Emotion, aber nicht zuletzt auch ganz pragmatisch ein weicher Standortfaktor. Unsere Stadt ist im Umbruch, ihr Gesicht verändert sich dramatisch. Es kommt darauf an, dass alle diese Veränderungen funktionieren, dass sie zur Entwicklung der Stadt beitragen, dass sie Impulse geben, dass die immensen finanziellen Aufwendungen – mehr als 20 Millionen Euro wurden und werden bei den laufenden Projekten aufgewendet - sich auch lohnen. Am meisten kommt es aber darauf an, dass sich die Menschen in dieser neuen Welt auch wiederfinden, dass ihre Befindlichkeit Wohlbefinden ist und die neuen Stadträume ein Stück Heimat werden. Die Stadträume, die wir jetzt schaffen, prägen das Bewusstsein von vielen Tausenden Menschen in den vielen kommenden Jahrzehnten. Deshalb heißt, die Stadträume, die öffentlichen Räume gestalten auch, die Zukunft gestalten. Wir müssen uns Mühe geben mit der Gestalt unserer Bauten, alle die wir bauen, öffentlich oder privat, weil wir mit der Gestaltung Einfluss nehmen darauf, ob sich die Menschen hier wohl fühlen. Die Kunst ist im öffentlichen Raum ein wesentlicher Teil dieser Gestaltungsaufgabe. Eigentlich ist sie nutzlos, anders als das Gebäude, die Straße, die Bäume, die den öffentlichen Raum prägen. Aber der Schein trügt: Die Kunst nutzt uns mehr als wir glauben, sie schleicht sich in die Köpfe. Schauen sie sich diese Plastik an. $(text:b:Ein labiles Gleichgewicht von Masse und Leichtigkeit)$ Haus/Haus heißt sie, besteht aus mehreren Häusern, sehr massiv, aber auch hohl und leicht. Gleichzeitig möchte man hinrennen und sie festhalten, so stark ist ihre Dynamik zu spüren. Ein labiles Gleichgewicht von Masse und Leichtigkeit, von Schwere und Dynamik, von Urbanität und Natur, von Vertrautem und von Unsicherheit ist zu spüren, an einem kongenialen Ort der Widersprüche, denn dieser Kreisel ist ein Ort aber kein Platz, streng aber unförmig, er ist urbane Landschaft mit dem Kunstwerk von Werner Pokorny als Teil dieser Landschaft, und wenn dies so ist, Kunst als Teil der Landschaft, dann ist das ein geradezu idealer Fall von Kunst im öffentlichen Raum. Meine sehr geehrten Damen und Herren, diese Plastik hat die Eigenschaft, Kontakt mit den Menschen aufzunehmen und deshalb ist sie ein bereicherndes Geschenk für unsere Stadt. Ich will mich dafür ausdrücklich bei Ihnen, Herr Pokorny, bedanken. Ich freue mich sehr, dass wir unserer jetzt doch schon ganz beachtlichen Perlenkette von Kunst und Gestaltung in unserer Stadt heute ein Juwel hinzufügen konnten. Ich verspreche Ihnen, dass die Perlenkette aber heute noch nicht zugeknotet wird. Wir wollen das vierte Werk der Aktion 2000, Kunst im öffentlichen Raum, ebenfalls noch realisieren und weitere Projekte befinden sich in Vorbereitung. Ich hoffe sehr, dass auch die Sponsoren die Freude am Sponsoring bewahren, ebenso wie der Gemeinderat seine offene zukunftsweisende Haltung. Herzlichen Dank an Alle. Auf Werner Pokorny bin ich gekommen beim „Grossen Albgang“, dieser großartigen Skulpturen-Ausstellung im Sommer 2000 in der nähe von Bad Urach. Nach mehr als einer Stunde Wanderung durch Wissen und Wälder stand da eine wunderbare Form, auf einer leichten Anhöhe von Werner Pokorny. Ich habe zwei Zeugen, dass ich spontan den Wunsch hatte diese Arbeit nach Aalen zu bekommen: Meine Frau, die - wie es Erster Bürgermeister Dr. Eberhard Schwerdtner ausdrücken würde -rechtliche als Zeugin allerdings ausscheidet und den Kreiskämmerer, Herrn Hubel, den wir vor Ort trafen und dem ich sagte, ich werde versuchen, ob ich Pokorny nach Aalen bekomme und zwar auf den Finanzamtskreisel. Jetzt haben wir Haus/Haus 2001 in Aalen, allerdings ist es nicht die Arbeit aus Bad Urach, sondern eine neue für uns in aalen erarbeitete Form: größer, schlanker, dynamischer. Werner Pokorny hat in unzähligen Arbeiten das Haus zum Thema, sowohl in seinen Holz- wie auch in seinen Stahlarbeiten. Die einfache Form erleichtert den spontanen Zugang zu den Arbeiten, was aber folgt ist Verunsi-cherung, man wird einfach gezwungen genauer hinzusehen, tiefer einzusteigen. So ist es mir gegangen du so geht es einem überall, wo man auf seinen Skulpturen trifft und das ist in vielen Städten und Sammlungen in Deutschland der Fall. Werner Pokorny ist seit 1998 Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, hat unzählige Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland und Frankreich und wir hoffen sehr, ihn demnächst auch im Schloss Fachsenfeld zu haben.