Aalener Gemeinderat auf Exkursion in Ludwigsburg, Sindelfingen und Tübingen

Nachhaltige Stadtentwicklung war der Themenschwerpunkt einer zweitägigen Exkursion des Aalener Gemeinderates und der Verwaltungsspitze Nach Führungen und intensiven Gesprächen in Ludwigsburg, Sindelfingen und Tübingen kehrte die 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit vielen Eindrücken und Impulsen für Aalen am Freitagabend zurück. Erstes Fazit: eine gute Stadtentwicklung setzt auf Vielfalt, in sozialer wie in funktionaler Hinsicht. Erkenntnisse der Studienfahrt wird der Verwaltungs- und Finanzausschuss in einer Sondersitzung zum Wohnungsbau am 10. April diskutieren und mögliche Schlussfolgerungen für die Aalener Stadtentwicklung ziehen.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer mit der Aalener Gruppe im Französischen Viertel. (© Stadt Aalen)

„Reisen bildet“ fasste Oberbürgermeister Rentschler am Ende die unterschiedlichen Aspekte des Gesehenen zusammen. Sowohl in Ludwigsburg als auch in Tübingen standen Projekte der Innenentwicklung im Mittelpunkt. Wie können aus ehemaligen Kasernen, Industriebrachen und Militärarealen attraktive, lebenswerte und die Stadtstruktur nachhaltig prägende Quartiere werden? Indem Vielfalt nicht nur zugelassen, sondern gefördert wird, so die Erfahrungen aus Ludwigsburg und Tübingen. Dies wurde beim Stadtrundgang durch Ludwigsburg mit Schwerpunkt Marktplatz, Marstall Center, Wilhelm-Galerie und den prägenden Akademien für Film und für Darstellende Kunst deutlich. Noch intensiver in Tübingen, wo auf Konversionsflächen ganz unterschiedlich strukturierte Quartiere entstanden sind wie das Französische Viertel, Loretto, das Mühlenviertel und die Alte Weberei. „Nur durch Eigenerwerb können wir Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen“ erläuterte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer den Aalener Gästen die erfolgreiche Bodenpolitik der Stadt.

Leben, wohnen und arbeiten in einem Quartier – Baugenossenschaften garantieren Vielfalt

Städtische Grundstücke werden ausschließlich an Baugemeinschaften vergeben, die sich mit einem Konzept bewerben müssen. Inzwischen wurden so mehr als 150 Projekte realisiert mit dem Effekt, dass Menschen gemeinsam ihre Vorstellungen von Leben, Arbeiten und Wohnen in ihrem Quartier verwirklichen, Identität schaffen und Integration und soziale Durchmischung gewährleisten. Gewerbe, Handwerk und Handel im Erdgeschoss, Wohnen darüber, gruppiert um gemeinschaftlich genutzte grüne Innenhöfe mit Spielplätzen und Gärten. Entstanden ist eine Stadt der kurzen Wege. Tübingen setzt auf Innenentwicklung: in den letzten 8 Jahren wurde keine Neubaugebiete mehr erschlossen, obwohl die Universitätsstadt Tübingen (85.000 Einwohner) jährlich um 1000 Einwohner wächst und der Immobilienmarkt stark nachgefragt ist. Das hat ökologische und wirtschaftliche Vorteile. Es ist keine neue Infrastruktur zu finanzieren, „das bringt uns 10 Millionen mehr im Haushalt“ so Palmer. Die Dichte im Französischen Viertel ist drei bis vier Mal so hoch wie in einem Reihenhausquartier, öffentlicher Raum wir gezielt genutzt, indem Straßen zu Spielorten und Innenhöfe zu Wohnzimmern des Quartiers werden. Das Rad- und Fußwegenetz und ein enger ÖPNV-Takt sorgen für eine gute Anbindung der Quartiere. Verdolte Bäche wurden in den neuen Tübinger Quartieren aus ihrem Korsett befreit und als erlebbare Bachläufe integriert.

Brachen sind eine Chance der Stadtentwicklung

„Nachhaltige Stadtentwicklung erfordert manchmal auch den Mut zum Neuanfang“, diesen Eindruck nahm Oberbürgermeister Thilo Rentschler vom Flugfeld in Sindelfingen/Böblingen mit.. Für dieses 80 Hektar große Gelände des ersten Flughafens des Landes und späteren Militärflughafens haben die beiden Städte Sindelfingen und Böblingen im Jahr 2002 einen Zweckverband gegründet. Entstanden ist eine urbane, verdichtete Wohnbebauung, eine grüne Mitte mit einem 1 Kilometer langen See und Sport- und Freizeitflächen und Gewerbeflächen, vorzugsweise nachgefragt von Dienstleistern. Auch ein Ärztehaus hat sich dort  etabliert, im Gespräch ist der Neubau einer Klinik. Im alten Hangar bietet „Motor World“  in gläsernen Boxen für 190 Euro pro Monat Garagenplätze für Oldtimer an. Daneben eine Verkaufshalle und kleinere Beriebe und Manufakturen, die ihren Service rund um die automobilen Antiquitäten anbieten.

80 Millionen Euro haben die beiden Städte Sindelfingen und Böblingen für die Konversion vorfinanziert. Aber auch hier, im Speckgürtel von Stuttgart gilt, wie in Tübingen und Ludwigsburg: Brachen sind eine riesige Chance für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Projektarbeit nachhaltige Stadtentwicklung in Ludwigsburg

Mit 70 Kasernenarealen steht die ehemalige Garnisonsstadt Ludwigsburg seit jeher vor der Herausforderung des behutsamen  Stadtumbaus. „Jede Brache, die noch nicht entwickelt ist, ist auch nicht falsch entwickelt“, so der Leiter des Referats für Nachhaltige Stadtentwicklung, Albert Geiger. Das Referat, dem die Wirtschaftsförderung, die Abteilung Integrierte Stadtentwicklung, Medien, Statistik und die Abteilung Europa und Energie angehören, bearbeitet die Themen projektorientiert, vernetzt im Querverbund mit den drei Dezernaten der Stadtverwaltung. Die organisatorische  Struktur ist eine Chance für die Personalentwicklung der Kommune. Das Referat lebt mit seinen bis zu 60 Beschäftigten den Projektgedanken „Wir sind dann ein gutes Team, wenn alle für das Thema brennen“ so Geiger.

Stadtgeschichte – Kunst und Tourismus unter einem Dach

Interessiert ließ sich die Aalener Delegation in Ludwigsburg auch durch das MIK (Museum .- Information – Kunst) führen. In einem behutsam modernisierten Barockgebäude in der Innenstadt findet sich die Tourist-Information mit Ticketservice, das Ludwigsburg-Museum, der Kunstverein und ein Café unter einem Dach. Besonders die Präsentation der didaktisch hervorragend aufbereiteten Stadtgeschichte im Ludwigsburg Museum kam bei den Aalenern gut an. Das Museum beschreibt drei Jahrhunderte Stadtgeschichte, von der barocken Planstadt bis zur Galerie der Ludwigsburger, die den Bogen in die Gegenwart schlägt. Die museale Aufbereitung bot zahlreiche Anregungen und Denkanstösse für den Aalener Kulturfahrplan und könnte die Diskussion befruchten.

 

© Stadt Aalen, 24.03.2014