Die spanische Grippe

Eine weltweite Pandemie auf der Ostalb 1918

Ab Oktober 1918 erreicht die sogenannte "Spanische Grippe" auch die Ostalb. Für die von Krieg und Hunger geplagten Aalener ist die schwere Influenza eine weitere furchtbare Belastung.

Schwestern im Lazarett Parkschule, heute Schubartgymnasium, 1918. (© Stadtarchiv Aalen)

Das hat den Aalenerinnen gerade noch gefehlt: Im Oktober 1918 erreicht eine seltsame Krankheit die Ostalb. Junge Menschen sterben nach kürzester Zeit an Symptomen, die der Grippe ähneln. Die Behörden äußern sich kaum. Aus den Zeitungen ist nur zu lesen, dass Schulen und Kindergärten jetzt geschlossen werden. Niemand weiß etwas Genaues, aber manche sprechen von der Krankheit von der "Spanischen Grippe".

Herbst 1918: Seit mehr als vier Jahren sterben Söhne, Brüder und Väter der Aalenerinnen an der Front in einem zunehmend aussichtslosen Krieg. Insgesamt 325 Aalener bleiben im Feld. Zum Vergleich: Im Krieg von 1870/71 waren es lediglich fünf.

Für die kämpfenden und gefallenen Männer springen die Frauen ein: Ob in der Fabrik, im Lazarett oder im Büro. Fast überall sind 1918 Frauen in Vollzeit beschäftigt. Doch reicht der Lohn kaum um satt zu werden. Das hat einerseits mit der Inflation zu tun, andererseits damit, dass vielerorts kaum Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Auf dem Schwarzmarkt tauscht man Brot gegen Brillanten. Weniger gut betuchte Frauen stibitzen die teilweise unreifen Früchte von den Feldern der Bauern. Hinzu kommt: Die Kohle wird knapp und der Winter steht vor der Tür.

Auch politisch herrscht im Reich Ausnahmezustand: In den Zeitungen lesen die Aalenerinnen im Oktober 1918, dass die neue Reichsregierung um Frieden bei den Alliierten bitten möchte. Im November 1918 sind das aber schon wieder nur Neuigkeiten von gestern: In Kiel meutern die Matrosen und eine Revolution erfasst das gesamte Reich. Unter dem Druck der Straße tritt der Kaiser ab und eine Übergangsregierung proklamiert die erste gesamtdeutsche Demokratie; die spätere Weimarer Republik. Große Angst haben die Menschen, dass die Revolution - wie in einem Jahr zuvor in Russland - blutig endet.

Im Kontext dieser allgemeinen Krisensituation ist die schlimmste Pandemie des 20. Jahrhunderts für viele Aalener nur eine Nebenerscheinung. Dabei zählt auch durchaus die Kocherstadt ihre Opfer: Im Aalener Krankenhaus werden zwar nur 37 Patienten mit Influenzasymptomen behandelt, doch die Dunkelziffer dürfte hoch seien. Im Monat November jedenfalls sterben fast dreimal so viele Menschen in Aalen wie im Vorjahresmonat.

Auch die Todesanzeigen sind voll mit Meldungen von jung Verstorbenen. Am 16. November 1918 heißt es beispielsweise: "Tieferschüttert teilen wir Verwandten und Freunden die überaus schmerzliche Nachricht mit, daß meine liebe Gattin Berta Müller, geb. Holz, im Alter von 23 Jahren, nach kurzer schwerer Krankheit in Stuttgart sanft entschlafen ist." Der Virus betraf vor allem junge und gesunde Menschen mit starken Abwehrkräften. Warum? Er veranlasste die Abwehrkräfte in einer Überreaktion auch eigenes Gewebe in der Lunge anzugreifen. Die Menschen starben in kürzester Zeit.

Übrigens: Die "Spanische Grippe" war ein weltweites Phänomen. Ein Großteil der 30 bis 50 Millionen Opfer kam aus Regionen der "Dritten Welt". Der Beiname "spanisch" ist dabei irreführend: Tatsächlich trat der Virus wahrscheinlich erstmals in Kansas (USA) auf. Da aber in Europa lange Zeit nur Medien des neutralen Spaniens darüber berichteten - und die kriegsführenden Staaten es verschwiegen - spricht man heute in Deutschland noch immer von der "Spanischen Grippe".

©Stadtarchiv Aalen (Dr. Georg Wendt)