Aufarbeitung einer Architektur-Epoche

Erster Bürgermeister Wolfgang Steidle eröffnet Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“
Eröffnung Ausstellung SOS Brutalismus
(© Ingrid Hertfelder)

Mit "SOS Brutalismus - Rettet die Betonmonster!" ist in der Galerie und im Foyer des Rathauses Aalen eine Ausstellung überschrieben, die sich kein Bewohner Aalens entgehen lassen sollte. Sie ist ebenso hochaktuell wie brisant.

Denn es geht thematisch um das Aalener Rathausgebäude selbst - um die Frage, abreißen oder sanieren.  Man hätte bei der Ausstellungseröffnung am Freitagabend, 31. Januar,  fast glauben können, den Beton-Stein, der manch einem vom Herzen fiel, zu hören, als Olivier Elser den Satz ausspracht: "Viele Städte haben Gebäude mit einer Volkswagenfassade, aber Aalens Rathaus ist ein Mercedes!" Dafür erntete der Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt nicht etwa ungläubiges Staunen, sondern regen Beifall.

Ausstellung SOS Brutalismus
(© Stadt Aalen)

Viel Kritik an der viel geschmähten "Betonburg Rathaus" war bei der Ausstellungeröffnung  in der Rathausgalerie nicht zu hören. Die schärfste Kritik kam von den Ausstellungsmachern selbst, denn nicht nur Texte, die sich fachlich ernst mit der Betonarchitektur auseinandersetzten, finden sich auf den Bildtafeln, sondern auch, wohlmeinend gesagt, undifferenzierte, gegen jedweden Betonbau gerichtete. Aussagen wie "eine breiig-schmierige Masse charakterlos und demagogisch verformt" oder "Die graue Hölle is det hier!" sind dabei noch die harmloseren.

 

Eröffnung Ausstellung SOS Brutalismus
(© Ingrid Hertfelder)

Notwendig ist, den Begriff Brutalismus zu definieren, bezieht er sich doch nicht auf das Wort „brutal“, sondern auf das französische „béton brut“, der Ausdruck für Sichtbeton. Wobei "brut", wie beim Champagner, gerne auch mit herb übersetzt wird. Der Architekt Le Corbusier soll angeblich eines seiner direkt nach dem Krieg errichteten Gebäude mit "beton brut" bezeichnet haben, nachdem  er auf das übliche Verputzen verzichtet hatte, um so die Rohheit als architektonisches Element hervorzuheben.

Die Ausstellung im Rathaus nimmt dieses "herb" oder „roh“ positiv auf und tendiert unübersehbar dahin gehend, den ästhetischen Reiz brutalistischer Bauten als entdeckungswürdig zu betrachten. Jedes Ding besitzt schöne Seiten. Die erkennt man in der Galerie und im Rathausfoyer in den überdimensionierten Modellbauten, wie sie von Architekturstudenten einst (und noch immer) als 3D-Veranschaulichung aus Pappkarton zusammengeklebt wurden. Ebenso wirken die ästhetisierten Schwarz-Weiß-Fotografien.  Vom Sinnbild für die Rücksichtslosigkeit der Gegenwartsarchitektur, wie Kritiker immer gerne formulieren, ist nicht allzu viel zu sehen. Dennoch, die Ausstellung darf als gelungen, weil höchst informativ angesehen werden. Wer sich nicht festlegt, kann hier durchaus Aspekte der Beton-Architektur kennenlernen, die mögliche Vorbehalte ins Wanken bringen.

 Bei der Ausstellungseröffnung meinte Aalens Baubürgermeister Wolfgang Steidle, es sei notwendig, die Schönheit des Rathauses wieder zu entdecken, auch wenn viele Aalener von einem Ungetüm und Betonbunker sprächen. Abreißen sei keine Lösung, vielmehr müsse über neue Strategien zur Modernisierung  nachgedacht werden, gerade wegen der multifunktionalen Aufgabe des Rathauses als Verwaltungsgebäude und Bürgerhaus. Vor allem gibt sich Steidle davon überzeugt, dass Beton der Marmor des 20. Jahrhunderts sei.

Eröffnung Ausstellung SOS Brutalismus
(© Ingrid Hertfelder)

Die Betonbauten aus dem letzten Jahrhundert sind weltweit in die Jahre gekommen. Für das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt und die Wüstenrot-Stiftung Grund genug, sich einen weltweiten Überblick zum Brutalismus in der Architektur zu verschaffen. Der erste Baustein für ein mögliches Denkmalbewusstsein, immerhin entstanden die meisten der spektakulär-expressiven Bauten in einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, in der Abkehr von der Notarchitektur der Nachkriegszeit.
Mittlerweile stünden diese Gebäude vor der Umgestaltung oder gar vorm Abriss, weiß Oliver Elser.

Über eine Online-Kampagne wurden 1700 dem Brutalismus zugeordnete und nun bedrohte Bauten ausfindig gemacht. Griffig sind alle Gebäude nach dem Vorbild des weltweiten Artenschutzprojekts in Listen eingetragen worden: die rote versammelt Bauten, die direkt vom Abbruch bedroht sind, auf der blauen stehen gerettete und auf der schwarzen stehen die verloren gegangenen. Nebenbei wurde auch eine graue Liste angelegt. Auf ihr finden sich Brutalismusvertreter, die noch im Originalzustand erhalten sind.

Als eigentlicher Auslöser des Projekts "SOS Brutalismus" nennt der Kurator die Sprengung einiger Gebäude im Stil des Brutalismus, unter anderem den Philosophenturm der Frankfurter Goethe-Universität (2014). "Diese Sprengung hat unglaubliche Emotionen ausgelöst." Damit kommt Oliver Elser dem heutigen Meinungsbild in der Aalener Bevölkerung ganz nahe. Die Diskussion um Abriss oder Sanierung führt auch hier auf ein heftiges Für und Wider.  Umso wichtiger die jetzige Ausstellung. die mit ihren Architekturbeispielen die Stilart klassisch definiert, will heißen: Sichtbeton, markante Konstruktionsmerkmale und ein nachhaltiger optischer Gesamteindruck.

Eröffnung Ausstellung SOS Brutalismus
(© Ingrid Hertfelder)

Angesichts einer manchmal "schlachtschiffartigen" Architektur, versteht man nur zu gut die Bemerkung von  Prinz Charles, der geäußert haben soll, dass der Brutalismus in Großbritannien mehr Schaden angerichtet habe als der Zweite Weltkrieg. Die wuchtigen Bauten haben es nun einmal in sich und dienen immer wieder gerne als Gemütserreger. Wobei man lieber durch das Fachwerkviertel einer Stadt schlendert, als zwischen den grauen Wänden wuchtiger Betonburgen. Dennoch lohne es sich, den Brutalismus in der Architektur neu zu entdecken, meint Oliver Elser - gerade weil diese Architektur historisch und gesellschaftlich so interessant ist. Zugleich steht sie für einen weltweiten Aufbruch, insbesondere in der afrikanischen Architektur.

Aalen müsse diesbezüglich den globalen Vergleich nicht scheuen, so der Kurator, der gerne mit der Forderung provoziert, dass man die Betonmonster aus den 60er-Jahren nicht abreißen sollte. "Sie (die Aalener) haben ein Gebäude (das Rathaus), das nicht unter Denkmalschutz steht, aber unter Denkmalschutz stehen könnte! Nehmen Sie also die Chance wahr und machen Sie etwas Besonderes aus dem Gebäude. Die bundesweite Aufmerksamkeit wird Ihnen sicher sein!"

Ausstellung

Eröffnung Ausstellung SOS Brutalismus
(© Ingrid Hertfelder)

"SOS Brutalismus - Rettet die Betonmonster!"
Galerie im Rathaus Aalen

Führungen durch die Ausstellung:

  • Donnerstag, 13. Februar 2020
    17 Uhr mit dem Kurator der Ausstellung Oliver Elser, Architektur-Museum Frankfurt anschl. um 
    19 Uhr Bildvortrag im Kleinen Sitzungssaal des  Rathauses
  • Donnerstag, 5. März 2020, 17 Uhr
  • Samstag, 1. Februar 2020, 11.30 Uhr 
  • Samstag, 15. Februar 2020, 11.30 Uhr 

Reallabor Space Sharing
5. bis 29. März 2020
Eröffnung: 5. März um 16 Uhr
Architekturstudierende der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart (abk) zeigen brutalistische Bauten im Großraum Stuttgart.

Öffnungszeiten:

Galerie im Rathaus Aalen, Marktplatz 30, 73430 Aalen
Montag bis Mittwoch von 8.30 bis 17 Uhr
Donnerstag, 8.30 bis 18 Uhr
Freitag, 8.30 bis 12 Uhr, 14 bis 17 Uhr
Samstag, 10 bis 13 Uhr
Sonntag, 14 bis 17 Uhr
Geschlossen am 20. und 25. Februar 2020

Informationen unter Telefon: 07361 52-1110 oder unter E-Mail: kunst@aalen.de
Eintritt frei.

© Stadt Aalen, 04.02.2020