Stolpersteine in Aalen

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Es gibt Aalener Bürgerinnen und Bürger, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt und zum Teil ermordet wurden oder an den Folgen ihrer Verfolgung starben. Einige von ihnen sind noch nicht einmal mehr namentlich in den verschiedenen historischen Werken aufzufinden.

Die Aalener Stolpersteininitiative recherchiert zu diesem Thema und möchte die Verfolgten und Ermordeten durch jeweils einen entsprechenden „Stolperstein“ würdigen und so dem Vergessen entreißen. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader mit einer Messingplatte als Oberfläche, in der Name, Lebens- und Sterbedaten eines Opfers des NS-Regimes einggraviert sind und die vor dem ehemaligen Wohnhaus in den Bürgersteig eingelassen werden.

Die Stolpersteine sind heute das größte, dezentrale Mahnmal der Welt. Es wächst „von unten“ durch das bürgerschaftliche Wirken der Initiativen vor Ort und kann Menschen „stolpern“ lassen, nicht mit den Füßen, sondern mit dem Verstand und dem Gefühl.

Stolpersteine in Aalen

Fanny Kahn

Fanny Kahn
(© Karin Richert, Sammlung M. Hafner, P. Maile, privat, Stadtarchiv Aalen, Stadtmessungsamt Aalen)

Fanny Kahn, geb. Kahn, wurde am 7. April 1871 in Rockershausen/Saar geboren. 1908 heiratete sie den Viehhändler Ludwig Kahn aus Aufhausen bei Bopfingen.

Das Ehepaar zog nach Aalen und baute in der damaligen Kocherstraße 10 ein Häuschen mit kleinem Nebengebäude. Ihr Ehemann war Soldat im Ersten Weltkrieg, verstarb aber schon 1919 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Aufhausen beerdigt.

Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten erteilte sie Klavierunterricht und eröffnete in den 20er-Jahren einen Handel mit Korbwaren. Von den Kindern aus der Nachbarschaft wurde sie wegen ihres freundlichen Wesens sehr geschätzt.

Von der Vertreibung und Vernichtung der Juden aus Deutschland während der Nazi-Diktatur war auch Frau Kahn betroffen. Am 14. Juli 1941 wurde sie auf Anordnung der Aalener NSDAP im Zuge des geplanten Massenmordes nach Bopfingen-Oberdorf zwangsumgesiedelt. Dazu musste sie in Aalen Haus und Hausstand in der damaligen Kocherstraße 10 (heute Oesterleinstraße) verkaufen und an ihrem neuen Wohnort in ein 8 qm großes Zimmer der Familie Hilb ziehen. Ein Jahr später, am 20. August 1942, musste die inzwischen 71-jährige Frau Kahn sich im Zuge der Deportationen polizeilich abmelden.

Deportation bedeutete zwangsweisen Transport in die Vernichtungslager des Ostens und bei Grenzübertritt Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit. Der Transport musste selbst bezahlt werden und das noch vorhandene Vermögen wurde vom deutschen Staat eingezogen. Maximal 100 Reichsmark durften mitgeführt werden.

Am 22. August wurde Frau Kahn von Stuttgart über Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Dort wird sie am 28. oder 29. September 1942 im Alter von 71 Jahren ermordet.

Familie Heilbron

Familie Heilbron
(© Karin Richert, Sammlung M. Hafner, P. Maile, privat, Stadtarchiv Aalen, Stadtmessungsamt Aalen)

Wilhelm (Willi) Heilbron wurde am 26. Juli 1904 in Aalen, Bahnhofstraße 18, geboren. Seine Eltern waren der Warenhausbesitzer Eduard Heilbron und dessen Ehefrau Frieda Heilbron. Wilhelm Heilbron war geistig behindert und lebte ab seinem 7. Lebensjahr in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal. Die Familie war jüdischen Glaubens. Die Kosten der Anstaltsunterbringung trug der Vater. Am 10. September 1940 wurde Willi Heilbron im Zuge der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ („Aktion T4“) mit 74 anderen Pfleglingen aus der Anstalt abgeholt, nach Grafeneck transportiert und dort am selben Tag ermordet. In den darauf folgenden Tagen (bis 28. November 1940) wurden 249 weitere Pfleglinge nach Grafeneck „verlegt“.

Die Eltern versuchten ab dem 5. September 1940 die Verlegung von Wilhelm Heilbron in „eine andere Anstalt“ zu verhindern. Das wurde ihnen mit Schreiben vom 18. September 1940 verwehrt, Wilhelm war am 10. September 1940 bereits ermordet. Wilhelm Heilbrons Schwester Irene (geboren am 4. Oktober 1907 in Aalen, verheiratete Wartzki), ließ über ihren Anwalt Dr. Goldberg aus Wiesbaden am 7. Mai 1957 im Standesamt Rommelshausen eine Todeserklärung für ihren Bruder anfordern, weil sie als Erbin ihrer Eltern Entschädigungsansprüche geltend machen wollte. Das Standesamt Rommelshausen teilte jedoch auf ein Schreiben von ihr vom 18.03.1957 am 20.03.1957 mit, dass bei ihnen kein entsprechender Eintrag zu finden sei. Die Anstalt Stetten i.R. bestätigte dem Standesamt Rommelshausen den Aufenthalt Willi Heilbrons in Stetten, teilte jedoch mit, dass Willi Heilbron „nach einer Verfügung des Innenministeriums mit einer Anzahl Pfleglinge am 10.09.1940 in eine unbekannte Anstalt verlegt worden sei (Vermutlich Grafeneck). Eine Mitteilung über den Verbleib sei nicht mehr eingegangen.“

Im November 1999 wurden in der „Diakonie Stetten“ drei Gedenksteine mit 330 Namen zum Gedenken an die in Grafeneck Ermordeten enthüllt.

Eduard Heilbron und seine Frau Frieda hatten 1903 in Aalen in der Bahnhofstraße 18 in seinem viergeschossigen Haus das ‚Warenhaus Eduard Heilbron‘ gegründet. Es bot auf zwei Stockwerken Manufakturwaren, Herren- und Damenkonfektion, Wäsche, Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Haushaltsartikel, Spielwaren und Geschenkartikel an und beschäftigte durchschnittlich 30 Angestellte.

1931 musste Eduard Heilbron sein Geschäft aufgeben, Eduard und Frieda Heilbron zogen angesichts immer heftiger werdender Verfolgungsmaßnahmen in der Kreisstadt Aalen im Jahr 1931 nach Wiesbaden. Im Aalener Jahrbuch 1984 ist hierzu vermerkt: In der Stadt Aalen hatte die nationalsozialistische Propaganda ihre Judenhetze vor allem auf das Warenhaus Heilbron, Bahnhofstrasse 18, konzentriert [...] 1929 klagte der Chronist der örtlichen NS-Bewegung: „Auch hier beginnt jetzt die Judenfrage ihre traurige Rolle zu spielen. Dass der Warenhausjude Eduard Heilbron und sein schmieriger Schwiegersohn Wartzki jemals in den Mauern unserer Stadt Aufnahme gefunden haben, bleibt eine ewige Schande“.

Das Warenhaus wurde an H. J. Guggenheim und W. Böhm, Firma Wohlwert Staufia GmbH Göppingen verpachtet.

Heilbrons wohnten in Wiesbaden in einer Wohnung in der Parkstraße 13. Im Jahr 1939 waren sie in der Klopstockstraße 2 gemeldet (wo auch 2 Stolpersteine für sie gesetzt wurden). Zuletzt wurden sie von der Gestapo in das „Judenhaus“ Alexandrastraße 6 einquartiert. Eduard Heilbron ist am 30. August 1942 angesichts des bevorstehenden Abtransports nach Treblinka im Alter von 68 Jahren in Wiesbaden an einem Herzinfarkt verstorben. Frieda Heilbron wurde am 01.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und am 29.09.1942 von dort weiter nach Treblinka. In Treblinka ist sie dann durch Gas ermordet worden.

Irene Wartzki wohnte mit ihrem Mann Kurt Wartzki, der ebenfalls jüdischen Glaubens war, und ihren beiden Kindern Werner und Inge zunächst in der Bahnhofstraße 18 in Aalen. Sie flohen dann mit insgesamt sechs Kindern über Wiesbaden, Frankreich und Spanien nach Cali, Kolumbien. 1958 zogen Irene und Kurt Wartzki wieder zurück nach Wiesbaden, wo Herr Wartzki 1963 starb, Frau Wartzki kehrte nach Cali zurück und verstarb dort 1997.