Zwischen 1904/05 und 2016 verband ein vier Kilometer langes Gleisnetz die Fabriken im Aalener Süden mit dem Aalener Bahnhof. Heute erinnern noch ein saniertes Bahnwärterhaus (Burgstallstr. 4) und eine historische Eisenbahnbrücke an dieses Stück Aalener Industriegeschichte.
Um 1900 standen die aufstrebenden Aalener Industriellen vor einer enormen logistischen Herausforderung: Ihre Fabriken im Süden der Stadt lagen weit abseits des Aalener Bahnhofs nordöstlich der Altstadt. Um im Zeitalter der Industrialisierung wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchten sie jedoch eine schnelle, günstige und effiziente Anbindung an die Schiene – damals das Transportmittel schlechthin.
Da hatten die beiden Fabirkanten Adolf Krauß und Georg Stützel eine Idee. Bei der Fabrik von Krauß (heute zirka Höhe Gesenkschmiede Aalen) verlief parallel zur Bahnstrecke Aalen-Ulm ein nicht mehr genutzter Bahndamm, auf dem zuvor eine Grubenbahn Eisenerz nach Königsbronn transportiert hatte. Warum also nicht auf dem alten Bahndamm die Gleise wieder herstellen und als Stammgleis für die neue Industriebahn nutzen?
Die Verhandlungen mit der königlich-württembergischen Staatseisenbahn verliefen gut, auch weil der damalige Stadtschultheiß Friedrich Schwarz mit dem Gemeinderat das Projekt unterstützten. Die Stadt finanzierte den Bau des städtischen Stammgleises. Die beteiligten Firmen, neben der Farbenfabrik Krauß und Stützels Tonwarenfabrik auch bald Erlau, Erlenbau und Ostertag, zahlten die Betriebs- und Anschlusskosten für ihre Fabriken.
Auch auf technischer Seite bewiesen die Beteiligten erstaunlichen Pioniergeist und Einfallsreichtum. Für die Anbindung an das Streckennetz der königlichen Staatseisenbahn auf Höhe des heutigen Amtsgerichts wählten die Ingenieure eine ebenso ausgeklügelte wie ungewöhnliche Lösung: Eine bewegliche Abzweigweiche.
Sollte ein Güterzug auf die Stammstrecke der Industriebahn geleitet werden, mussten Mitarbeiter der beteiligten Firmen das Hauptgleis der Linie Aalen–Ulm kurzzeitig mit Schranken und Haltesignalen absperren. Erst dann wurde die Weiche temporär direkt auf die Schienen der Hauptstrecke gelegt. Sobald die Waggons ihr Ziel auf der Industriebahn erreicht hatten, wurde die Konstruktion zügig wieder entfernt und der reguläre Zugverkehr freigegeben. Trotz dieses komplexen Prozeders verlief der Betrieb stets reibungslos – zu einem Unfall kam es während der gesamten Nutzungsdauer nie.
Am 24. Juli 1905 fand die feierliche Einweihung der Industriebahn statt. In einem festlich geschmückten Sonderzug reisten die geladenen Ehrengäste, der Gemeinderat und die örtlichen Firmeninhaber vom Bahnhof über die Erlau durch das idyllische Wiesental bis zur Endstation an der Kreuzbrauerei (dem heutigen frapé). Nach einem geselligen Frühschoppen kehrte die Festgesellschaft zurück, um den Tag im Hotel „Krone-Post“ bei einem feierlichen Essen ausklingen zu lassen. Dort trug der Unternehmer Georg Stützel folgendes Gedicht vor:
Alles für die Anschlußbahn...
Nachdem der Bau zu End’ geführt, Weiht man ihn ein, wie sichs gebührt.
Die Bahn steht schon im Vollverkehr. Die Züge rollen inhaltsschwer.
Kassenschränke, Eisenmöbel, Ketten, Stifte, Draht und Nägel,
Steingut, Glas und Porzellan Befördert unsre Anschlußbahn.
Holz für Bau- und andre Zwecke Fährt man auf der neuen Strecke,
Kieselsteine, Bauzement Und manches, das man noch nicht kennt.
Gipsermatten und Papier, Doppel-, Export-, Lagerbier,
Das so schwer ist wie man weiß, Daß man braucht ein Anschlußgleis.
Fettglanzwichs für Herrn und Damen Und Artikel, deren Namen
Ich nicht alle nennen kann, Alles führt die Anschlußbahn.
Darum wollen wir uns freun, Niemals diesen Schritt bereun.
Doch volle Freude greift erst Platz Bei dem „Reinen Streckensatz“.
Die Zukunft Aalens liegt nun zwar Auf’m Wasser, das ist sonnenklar.
Denn einstens fließet statt der Aal Vorbei der Donau-Rhein-Kanal.
Nun vorerst mit der Anschlußbahn Man sich recht wohl begnügen kann.
Sorgt nur, daß sie sich wegbezahlt. Wer das erlebt, wird sicher alt!
Hinweis: Um die Jahrhundertwende träumten tatsächlich einige Ingenieure über Neckar, Rems, Kocher und Brenz den Rhein mit der Donau zu verbinden. Das Projekt wurde freilich nie verwirklicht.
Über Jahrzehnte bildete die Aalener Industriebahn die Lebensader der lokalen Wirtschaft und lieferte Rohstoffe und Güter direkt auf die Werksgelände der ansässigen Betriebe. Hatte die Strecke in den Blütezeiten der 1950er-Jahre mit über 4.000 Wagenladungen jährlich noch verlässlich schwarze Zahlen geschrieben, zeichnete sich ab den 1970ern eine radikale Wende ab: Bis 1976 brach das Frachtaufkommen auf unter 2.000 Waggons ein.
Eine schwere Belastungsprobe für das Schienennetz. Zunehmender Lkw-Verkehr, ausbleibende Investitionen und ein besorgniserregender Verfall der Gleise mündeten in Defiziten und ständigen Betriebsstörungen. Um die drohende Stilllegung abzuwenden, krempelten Stadt und Industrie die Ärmel hoch: Zwischen 1978 und 1981 wurden die Stammgleise I und II etappenweise saniert – maßgeblich mitfinanziert von Anliegerfirmen wie dem Hammerwerk Schneider, der Erlau AG, Triumph und der Union AG –, während unrentable Teilstrecken zurückgebaut wurden.
Doch der Niedergang ließ sich nur verzögern. Als in den Folgejahren Schlüsselkunden wie Triumph oder die Brauerei Leicht wegbrachen, geriet die Bahn vollends aufs Abstellgleis. Stück für Stück verstummte der Rangierverkehr, bis im Jahr 2016 das endgültige Aus kam. Heute gehört das Areal der Naherholung: Wo einst schwere Güterzüge rollten, genießen Spaziergänger und Radfahrer den Blick auf das renaturierte Kocherufer, in dessen Kulisse sich die alte Eisenbahnbrücke malerisch einfügt.