35 Jahre lang prägte Dr. Karl Schübel die Geschicke Aalens – zunächst als Bürgermeister im Nationalsozialismus (1935–1945), später als Oberbürgermeister in der jungen Bundesrepublik (1950–1975). Sein städtebauliches Erbe formt das Gesicht der Stadt bis heute. Doch während seine Modernisierungsleistungen unbestritten sind, wirft seine politische Biografie fundamentale Fragen auf: War Schübel bis 1945 lediglich ein opportunistischer Technokrat oder agierte er aus ideologischer Überzeugung? Und fand er nach 1945 wirklich eine Heimat in der bundesdeutschen Demokratie, oder blieb er im Kern ein autoritärer Verwaltungsmacher der alten Schule?
Karl Schübel wurde am 26. November 1904 in Haiterbach (Nordschwarzwald) in einfachsten Verhältnissen geboren. Zunächst durfte er nur sieben Jahre lang die Volksschule besuchen. Erst als Erwachsener holte er mit viel Fleiß die Mittlere Reife nach und bestand 1927 die Prüfung für den gehobenen Verwaltungsdienst. Ebenfalls im Selbststudium bestand er 1929 das Abitur und absolvierte parallel ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen, Köln und Berlin. Bereits 1932 promovierte er mit einer Arbeit zum Thema „Die rechtliche Stellung des Ortsvorstehers im württembergischen Gemeinderecht“. Nach Stationen bei verschiedenen Stadtverwaltungen, dem Landratsamt Reutlingen und dem württembergischen Innenministerium war der Grundstein für eine Karriere als Verwaltungsfachmann gelegt.
Beschleunigt wurde diese Karriere durch seine Hinwendung zum Nationalsozialismus. Als sogenannter „Märzgefallener“ trat er nach den Reichstagswahlen im März 1933 der NSDAP bei und engagierte sich unter anderem als Pressewart in der NSDAP-Ortsgruppe Stuttgart. Im März 1935 wurde Schübel auf Anfrage des Aalener NSDAP-Kreisleiters Kling vom württembergischen Innenministerium zum Bürgermeister Aalens ernannt. Die dortige Verwaltung führte er im Sinne der nationalsozialistischen Gemeindeordnung mit harter Hand und autoritärem Anspruch.
Als Bürgermeister verstand er sich als Moderator, der die Vorgaben des Regimes mit den Interessen der Stadt in Einklang zu bringen versuchte. Beispiele für städtebauliche Projekte dieser Art waren die Einrichtung der Wehrkreis-Reit- und Fahrschule (Remonte), die Erneuerung des Hirschbachfreibades, der Bau der Schubartjugendherberge oder die Einrichtung des Stadtgartens. Gleichzeitig setzte er Beschlüsse des Regimes – wie die Vertreibung der jüdischen Viehhändler vom Aalener Markt 1937 – konsequent durch. Das Ende seiner ersten Amtszeit verlief dramatisch: Weil er sich im April 1945 weigerte, Aalen als „Festung“ sinnlos gegen die Alliierten zu verteidigen, wurde er vom SS-Stadtkommandanten abgesetzt. Aufgrund dieser Befehlsverweigerung beließ ihn die US-Militärregierung zunächst im Amt, enthob ihn aber im Juli 1945 als mutmaßlich letzten deutschen Bürgermeister mit NSDAP-Parteibuch doch noch seines Postens.
Nach Kriegsende arbeitete Schübel als Steuerberater und Rechtsanwalt in Stuttgart, ehe es ihm in der Revision seines Spruchkammerverfahrens gelang, als „Mitläufer“ eingestuft zu werden. So „entlastet“ konnte er 1950 in das Bürgermeisteramt nach Aalen zurückkehren. Bei der OB-Wahl am 21. Mai setzte er sich mit über 86 Prozent gegen seinen jüdischstämmigen Gegenkandidaten Dr. Peter Lahnstein durch, der im Wahlkampf Opfer antisemitischer Beschimpfungen wurde. Der überlegene Sieg Schübels zeugte von einem Wandel der politischen Kultur in der Stadt: Die Aalener legten offensichtlich keinen Wert mehr auf die Aufarbeitung der lokalen NS-Zeit. Sie erwarteten vielmehr, dass der durchsetzungsfähige und fleißige Verwaltungsfachmann Schübel sich um die dringenden Bedürfnisse der Bevölkerung kümmerte; so, wie er es schon vor 1945 getan hatte.
Unter Schübels Führung entwickelte sich Aalen rasant: Rund 6.000 Wohnungen wurden gebaut, das Schulwesen massiv ausgebaut (Berufsschule auf dem Galgenberg, THG, Uhland-Realschule und mehrere Volksschulen), die Staatliche Ingenieurschule gegründet und die industrielle und infrastrukturelle Basis gestärkt. Gleichzeitig gelangen Schübel auch die Umsetzung von städtebaulichen Prestigeprojekten, die er teils schon vor 1945 angedacht hatte: der Mahnmalturm, die Stadthalle, das Hallenbad, das Limesmuseum, Stadtbücherei und Stadtarchiv. Schließlich verantwortete er auch während der Kommunalreform die Erweiterung der Stadt um sieben neue Stadtbezirke, wodurch sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelte. Die Aalener dankten es ihm und wählten ihn mit großer Mehrheit 1956 und 1968 erneut zum Oberbürgermeister.
So engagiert Schübel Aalen baulich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts führte, so verhaftet blieb sein eigenes administratives Selbstverständnis in der ersten Hälfte. Er führte die Stadtverwaltung im Stil eines patriarchalischen Alleinherrschers. Den Gemeinderat und die Verwaltung band er zwar ein, doch echter Pluralismus, transparente Mitbestimmung oder kontroverse Debatten galten ihm eher als störende Hindernisse. Sein Demokratieverständnis erschöpfte sich im Wesentlichen in der formalen Legitimation durch Wahlen und einer effizienten, von oben gesteuerten Daseinsvorsorge.
1975 trat Schübel im Alter von 70 Jahren nicht mehr zur Wahl an und verabschiedete sich mit der Einweihung des neuen, brutalistischen Rathauses bei den ersten Reichsstädter Tagen von der Aalener Bevölkerung. Sein Nachfolger wurde – sehr zu Schübels Unwillen – der junge und liberale SPD-Politiker Ulrich Pfeifle. Schübel verstarb im Alter von 96 Jahren am 4. Dezember 2000 in Aalen.
Karl Schübel hinterlässt eine historisch ambivalente Bilanz: Er funktionierte als systemunabhängiger Pragmatiker, der sich den jeweiligen staatlichen Rahmenbedingungen anpasste, solange seine Richtlinienkompetenz und seine Machtstellung unangetastet blieben. Der Erfolg als effizienter Modernisierer und tatkräftiger Gestalter mag ihm Recht geben. Seine Verstrickung in das NS-Unrechtsregime und sein tief sitzendes Fremdeln mit den Werten einer pluralistischen, lebendigen Demokratie nach 1945 werfen jedoch lange Schatten auf sein Lebenswerk.