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Stolpersteine in Aalen

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Es gibt Aalener Bürgerinnen und Bürger, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt und zum Teil ermordet wurden oder an den Folgen ihrer Verfolgung starben. Einige von ihnen sind noch nicht einmal mehr namentlich in den verschiedenen historischen Werken aufzufinden.

Die Aalener Stolperstein-Initiative recherchiert zu diesem Thema und möchte die Verfolgten und Ermordeten durch jeweils einen entsprechenden „Stolperstein“ würdigen und so dem Vergessen entreißen. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader mit einer Messingplatte als Oberfläche, in der Name, Lebens- und Sterbedaten eines Opfers des NS-Regimes einggraviert sind und die vor dem ehemaligen Wohnhaus in den Bürgersteig eingelassen werden.

Die Stolpersteine sind heute das größte, dezentrale Mahnmal der Welt. Es wächst „von unten“ durch das bürgerschaftliche Wirken der Initiativen vor Ort und kann Menschen „stolpern“ lassen, nicht mit den Füßen, sondern mit dem Verstand und dem Gefühl.

Stolpersteine in Aalen

Fanny Kahn
Fanny Kahn (© Karin Richert, Sammlung M. Hafner, P. Maile, privat, Stadtarchiv Aalen, Stadtmessungsamt Aalen)

Fanny Kahn, geb. Kahn, wurde am 7. April 1871 in Rockershausen/Saar geboren. 1908 heiratete sie den Viehhändler Ludwig Kahn aus Aufhausen bei Bopfingen.

Das Ehepaar zog nach Aalen und baute in der damaligen Kocherstraße 10 ein Häuschen mit kleinem Nebengebäude. Ihr Ehemann war Soldat im Ersten Weltkrieg, verstarb aber schon 1919 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Aufhausen beerdigt.

Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten erteilte sie Klavierunterricht und eröffnete in den 20er-Jahren einen Handel mit Korbwaren. Von den Kindern aus der Nachbarschaft wurde sie wegen ihres freundlichen Wesens sehr geschätzt.

Von der Vertreibung und Vernichtung der Juden aus Deutschland während der Nazi-Diktatur war auch Frau Kahn betroffen. Am 14. Juli 1941 wurde sie auf Anordnung der Aalener NSDAP im Zuge des geplanten Massenmordes nach Bopfingen-Oberdorf zwangsumgesiedelt. Dazu musste sie in Aalen Haus und Hausstand in der damaligen Kocherstraße 10 (heute Oesterleinstraße) verkaufen und an ihrem neuen Wohnort in ein 8 qm großes Zimmer der Familie Hilb ziehen. Ein Jahr später, am 20. August 1942, musste die inzwischen 71-jährige Frau Kahn sich im Zuge der Deportationen polizeilich abmelden.

Deportation bedeutete zwangsweisen Transport in die Vernichtungslager des Ostens und bei Grenzübertritt Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit. Der Transport musste selbst bezahlt werden und das noch vorhandene Vermögen wurde vom deutschen Staat eingezogen. Maximal 100 Reichsmark durften mitgeführt werden.

Am 22. August wurde Frau Kahn von Stuttgart über Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka transportiert. Dort wird sie am 28. oder 29. September 1942 im Alter von 71 Jahren ermordet.

Familie Heilbron
Familie Heilbron (© Karin Richert, Sammlung M. Hafner, P. Maile, privat, Stadtarchiv Aalen, Stadtmessungsamt Aalen)

Wilhelm (Willi) Heilbron wurde am 26. Juli 1904 in Aalen, Bahnhofstraße 18, geboren. Seine Eltern waren der Warenhausbesitzer Eduard Heilbron und dessen Ehefrau Frieda Heilbron. Wilhelm Heilbron war geistig behindert und lebte ab seinem 7. Lebensjahr in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten im Remstal. Die Familie war jüdischen Glaubens. Die Kosten der Anstaltsunterbringung trug der Vater. Am 10. September 1940 wurde Willi Heilbron im Zuge der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ („Aktion T4“) mit 74 anderen Pfleglingen aus der Anstalt abgeholt, nach Grafeneck transportiert und dort am selben Tag ermordet. In den darauf folgenden Tagen (bis 28. November 1940) wurden 249 weitere Pfleglinge nach Grafeneck „verlegt“.

Die Eltern versuchten ab dem 5. September 1940 die Verlegung von Wilhelm Heilbron in „eine andere Anstalt“ zu verhindern. Das wurde ihnen mit Schreiben vom 18. September 1940 verwehrt, Wilhelm war am 10. September 1940 bereits ermordet. Wilhelm Heilbrons Schwester Irene (geboren am 4. Oktober 1907 in Aalen, verheiratete Wartzki), ließ über ihren Anwalt Dr. Goldberg aus Wiesbaden am 7. Mai 1957 im Standesamt Rommelshausen eine Todeserklärung für ihren Bruder anfordern, weil sie als Erbin ihrer Eltern Entschädigungsansprüche geltend machen wollte. Das Standesamt Rommelshausen teilte jedoch auf ein Schreiben von ihr vom 18.03.1957 am 20.03.1957 mit, dass bei ihnen kein entsprechender Eintrag zu finden sei. Die Anstalt Stetten i.R. bestätigte dem Standesamt Rommelshausen den Aufenthalt Willi Heilbrons in Stetten, teilte jedoch mit, dass Willi Heilbron „nach einer Verfügung des Innenministeriums mit einer Anzahl Pfleglinge am 10.09.1940 in eine unbekannte Anstalt verlegt worden sei (Vermutlich Grafeneck). Eine Mitteilung über den Verbleib sei nicht mehr eingegangen.“

Im November 1999 wurden in der „Diakonie Stetten“ drei Gedenksteine mit 330 Namen zum Gedenken an die in Grafeneck Ermordeten enthüllt.

Eduard Heilbron und seine Frau Frieda hatten 1903 in Aalen in der Bahnhofstraße 18 in seinem viergeschossigen Haus das ‚Warenhaus Eduard Heilbron‘ gegründet. Es bot auf zwei Stockwerken Manufakturwaren, Herren- und Damenkonfektion, Wäsche, Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Haushaltsartikel, Spielwaren und Geschenkartikel an und beschäftigte durchschnittlich 30 Angestellte.

1931 musste Eduard Heilbron sein Geschäft aufgeben, Eduard und Frieda Heilbron zogen angesichts immer heftiger werdender Verfolgungsmaßnahmen in der Kreisstadt Aalen im Jahr 1931 nach Wiesbaden. Im Aalener Jahrbuch 1984 ist hierzu vermerkt: In der Stadt Aalen hatte die nationalsozialistische Propaganda ihre Judenhetze vor allem auf das Warenhaus Heilbron, Bahnhofstrasse 18, konzentriert [...] 1929 klagte der Chronist der örtlichen NS-Bewegung: „Auch hier beginnt jetzt die Judenfrage ihre traurige Rolle zu spielen. Dass der Warenhausjude Eduard Heilbron und sein schmieriger Schwiegersohn Wartzki jemals in den Mauern unserer Stadt Aufnahme gefunden haben, bleibt eine ewige Schande“.

Das Warenhaus wurde an H. J. Guggenheim und W. Böhm, Firma Wohlwert Staufia GmbH Göppingen verpachtet.

Heilbrons wohnten in Wiesbaden in einer Wohnung in der Parkstraße 13. Im Jahr 1939 waren sie in der Klopstockstraße 2 gemeldet (wo auch 2 Stolpersteine für sie gesetzt wurden). Zuletzt wurden sie von der Gestapo in das „Judenhaus“ Alexandrastraße 6 einquartiert. Eduard Heilbron ist am 30. August 1942 angesichts des bevorstehenden Abtransports nach Treblinka im Alter von 68 Jahren in Wiesbaden an einem Herzinfarkt verstorben. Frieda Heilbron wurde am 01.09.1942 nach Theresienstadt deportiert und am 29.09.1942 von dort weiter nach Treblinka. In Treblinka ist sie dann durch Gas ermordet worden.

Irene Wartzki wohnte mit ihrem Mann Kurt Wartzki, der ebenfalls jüdischen Glaubens war, und ihren beiden Kindern Werner und Inge zunächst in der Bahnhofstraße 18 in Aalen. Sie flohen dann mit insgesamt sechs Kindern über Wiesbaden, Frankreich und Spanien nach Cali, Kolumbien. 1958 zogen Irene und Kurt Wartzki wieder zurück nach Wiesbaden, wo Herr Wartzki 1963 starb, Frau Wartzki kehrte nach Cali zurück und verstarb dort 1997.

Karolina Fürst
Karolina Fürst (© )

AA - Fachsenfeld, Dewanger Straße 36

Karolina Fürst wurde am 6. Dezember 1901 in Fachsenfeld, Haus Nr. 50, als das siebte von 14 Kindern der Arbeiterfamilie Kaspar und Katharina Fürst geboren. Karolina Fürst war schon früh als lediges Dienstmädchen in verschiedenen Haushalten angestellt. Sie hatte zwei Kinder. Karl wurde im Februar 1924 in Fachsenfeld geboren. Im Juni 1929 ist ihr Sohn Franz in der Stuttgarter Hebammenschule geboren worden. Mit nur zwei Monaten jedoch verstarb Franz im September 1929 im „Graf´schen Kinderheim“ in Ellwangen. Karl hingegen musste weitgehend ohne die Mutter aufwachsen und war schon bald darauf angewiesen, sich als Knecht bei verschiedenen Bauern der Umgebung zu verdingen. Mit 16 Jahren wurde Karl schließlich der Mutter durch jenes NS-Regime beraubt, dem er selbst als Soldat bis Kriegsende zu dienen hatte.

Mit der Diagnose „Hebephrenie“ wurde Karolina Fürst bereits im Mai 1924, drei Monate nach ihrer ersten Entbindung, in die Heilanstalt Schussenried eingewiesen. Im März 1926 wieder entlassen, stellte ein Aalener Oberamtsarzt im Februar 1927 schließlich fest, „sie war vollständig orientiert über Ort und Zeit“. Es folgte während der zweiten Schwangerschaft im Februar 1929 eine weitere Einweisung in die Heilanstalt. Zunächst im April 1929 erneut entlassen, folgte kurz nach der Entbindung des zweiten Sohnes im August 1929 die dritte Einweisung. Fortan sollten für Karolina Fürst elf lange Jahre hinter verschlossenen Türen und getrennt von der Familie folgen.

Das Behindertenheim Grafeneck bei Münsingen wurde von Oktober 1939 bis Januar 1940 zu einer der ersten Tötungsanstalten des Dritten Reiches umfunktioniert. Karolina Fürst wurde durch die Nationalsozialisten am 7. Juni 1940, ebenfalls mit dem Ziel der Ermordung, auf die Schwäbische Alb „verlegt“.

Mehr als 10 000 Menschen aus insgesamt 48 öffentlichen „Heil- und Pflegeanstalten“ in Württemberg, Baden und Bayern waren Opfer dieser bis dahin nie dagewesenen Vernichtungsmaschinerie. Hauptkriterien für die Deportation und Ermordung waren in letzter Instanz ökonomische und finanzielle Kosten-Nutzen-Kriterien. Das Reden und Schreiben von „lebensunwertem Leben“, von „unnützen Essern“ und „Ballastexistenzen“ nahm einen dramatischen und tödlichen Ausgang. 50 Prozent aller Menschen in psychiatrischen Kliniken und Behinderteneinrichtungen wurden binnen eines Jahres in Württemberg und Baden ermordet.

Am Tag ihrer Verlegung, dem 7. Juni 1940, wurde Karolina Fürst in der Gaskammer von Grafeneck umgebracht. Die heute vorliegenden Aktenstücke verschleiern diese Tat mit der Umschreibung „verstorben“. Gegenüber den Angehörigen der zahlreichen Opfer sprechen die Nationalsozialisten vielfach ihr Beileid mit dem Hinweis aus, dass „der überraschende Tod“ sowohl für die Betroffenen als auch die Umwelt eine Erlösung gewesen sei.

Johannes Schneider
Johannes Schneider (© )

Aalen, Beinstraße 22

Johannes Schneider war das älteste der elf Kinder von Florian Schneider, Konditormeister, und seiner Frau Anna Johanna Kunigunde in Aalen. Zwei seiner Geschwister starben schon bei der Geburt.

Johannes Schneider wurde am 6. Juni 1906 in Coburg geboren. Er lebte mit seiner Frau Katharina und ihren beiden Kindern (Gertrud und Irmgard) in der Beinstraße 22 in Aalen.

Johannes Schneider begab sich kurz nach seiner Schulentlassung im Sommer 1920 auf Wanderschaft und verdiente seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Im Jahr 1923 kehrt er nach Aalen zurück, wo er bis 1930 ununterbrochen Arbeit fand. Von 1930 bis 1933 war er arbeitslos, fand anschließend Beschäftigung in einer Ziegelei und bis 1937 bei der Firma Kessler in Wasseralfingen.

Von 1926 bis 1933 sang Herr Schneider im (marxistischen) Arbeitergesangverein „Lasallia“ , er war von 1927 bis 1932 Mitglied im „Bund deutscher Freidenker“, von 1931 bis 1933 Mitglied in der „Roten Hilfe“, von 1932 bis 1933 in der KPD sowie dem „Kampfbund gegen den Faschismus“.

Diese oppositionellen Aktivitäten führten dazu, dass Johannes Schneider nach der „Machtergreifung der Nationalsozialisten“ am 11. März 1933, wie die „Kocher-Zeitung“ berichtete, mit sieben weiteren Gleichgesinnten in „Schutzhaft“ genommen und anschließend im KZ Heuberg inhaftiert wurde. Das dortige KZ war als eines der ersten Lager auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am Kalten Markt für die Gefangenen aus dem süddeutschen Raum errichtet worden. Seine Inhaftierung dauerte bis zum 11. Mai 1933.

Auch Vater Florian Schneider wurde wenige Tage nach seinem Sohn verhaftet, auf den Heuberg verschleppt und erst am 12. September 1933 wieder entlassen.

Am 20. Mai 1937 wurde Johannes Schneider erneut festgenommen und mit den Kollegen Peter Kaspar, August Hirsch und Otto Sauter vor dem Volksgerichtshof Berlin angeklagt. Ihnen wurde zur Last gelegt, die verbotene KPD wieder aufzubauen und sich dadurch hoch- und landesverräterisch verhalten zu haben. Am 26. Oktober 1938 wurde Peter Kasper dafür zum Tode verurteilt, August Hirsch zu 12 Jahren, Johannes Schneider zu 5 Jahren und Otto Sauter zu 2 Jahren Zuchthaus.

Strafbeginn für Johannes Schneider war der 26. Oktober. Er kam über das Zuchthaus Ludwigsburg, Zweiganstalt Hohenasperg, am 11. November 1938 in das Strafgefängnis Rottenburg (Neckar). Von dort wurde er mit dem Ende seiner Strafe am 26. Mai 1942 auf „Ersuchen“ der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Stuttgart zur „Prüfung der Schutzhaftfrage“ in das Polizeigefängnis II, Stuttgart, überstellt.

Obwohl Herr Schneider entsprechend dem Urteil des Volksgerichtshofes seine Gefängnisstrafe ‚verbüßt‘ hatte, wurde er am 2. Juni 1942 zum Polizeigefängnis Welzheim transportiert, am 10. Juni dann nach Dachau überstellt und am 7. August 1942 ins KZ Neuengamme bei Hamburg eingeliefert. Dort verstarb Johannes Schneider am 21. März 1943 um 6.30 Uhr - Todesursache: Versagen von Herz und Kreislauf bei Lungenentzündung - im Alter von 36 Jahren.

Familie Pappenheimer
Familie Pappenheimer (© )

Aalen, Bahnhofstraße 23

Über mehrere Generationen wohnten Pappenheimer in Oberdorf am Ipf. Moritz Pappenheimer, geboren am 7. Juli 1869, zog 1892 nach Nördlingen. 1894 heiratete er Mathilde Holzer aus Stein am Kocher. Am 14. März 1900 kam der Sohn Heinrich zur Welt. Moritz führte ein Textilgeschäft in der Schrannenstraße 2 in Nördlingen, wo die Familie auch wohnte. Er gründete ein weiteres Textilgeschäft in Aalen, das sein Sohn Heinrich im Oktober 1924 übernahm. Das Geschäft befand sich in gemieteten Räumen in der Bahnhofstraße 23. Im Dezember 1924 heiratete Heinrich Ida Ilse Grünewald aus Nastätten/Taunus. Heinrich verwendete von da an meist den Vornamen Heinz. Das Ehepaar wohnte zunächst in der Bahnhofstraße 19, dann ab September 1927 in der Bahnhofstraße 51. Am 21. Oktober 1925 wurde Siegfried und am 3. Juni 1928 Ruth geboren. Die Familie Pappenheimer in Aalen gehörte zur jüdischen Gemeinde in Schwäbisch Gmünd.

Ab 1933 waren Juden in Deutschland zunehmenden Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt, die sich durch die Nürnberger Gesetze von 1935 und den nachfolgenden Verordnungen zunehmend verschärften. Juden sollten auswandern, jüdisches Vermögen sollte „arisiert“ werden. Das Wohnhaus der Familie Pappenheimer wurde 1935 verkauft, sie konnten dort aber weiter wohnen. Auch jüdische Kinder hatten zu leiden. So durfte Siegfried ab Frühjahr 1936 das Gymnasium nicht mehr besuchen und Ruth wurde 1937 von der Volksschule ausgeschlossen. Auf Druck der NSDAP wurde am 9. August 1938 das Textil- und Damenkonfektionsgeschäft „Moritz Pappenheimer“ verkauft. Nach dem Novemberpogrom wurde Heinz Pappenheimer am 12. November ins KZ Dachau verschleppt. Erst am 5. Januar wurde er entlassen, nachdem er glaubhaft machen konnte, dass er aus Deutschland auswandern wird. Nach dem Erwerb eines Palästina-Zertifikats und Bezahlung der Reichsfluchtsteuer wurden die Vorbereitungen zur Ausreise nach Haifa/Palästina getroffen. Das Ehepaar verließ im Februar 1939 Aalen und wohnte mit der 10-jährigen Tochter Ruth bis zur Ausreise bei Verwandten in Frankfurt/Main. Am 5. August 1939 traten sie von Genua aus die Schiffsreise nach Haifa an.

Siegfried wurde im April 1936 in die jüdische Wilhelmspflege nach Esslingen geschickt. Nach kurzem Aufenthalt wechselte er auf das deutsch-jüdische Internat nach Recco (Italien). Als dieses geschlossen wurde, besuchte er das katholische Internat in Treviglio bei Mailand. Aufgrund der politischen Entwicklungen in Italien konnte er aber auch dort nicht bleiben. Deshalb kam er im Oktober 1938 nach Aalen zurück. Nun sollte für den inzwischen 13-Jährigen die Bar-Mitzwa-Feier stattfinden. Zu dieser Zeit erfolgte aber die Verschleppung seines Vaters ins KZ Dachau. Ab 26. Januar 1939 war Siegfried im jüdischen Kinderheim der Flersheim-Sichel-Stiftung in Frankfurt/Main untergebracht. Am 5. Juni 1939 reiste er von dort mit einem Kindertransport nach London aus. Anfang 1940 kam er dann auf Veranlassung seiner Eltern per Schiff nach Haifa und war somit wieder vereint mit seiner Familie.

Der Firmengründer Moritz Pappenheimer musste im Januar 1939 sein Wohnhaus in Nördlingen verkaufen. Er zog im Juli 1939 nach Frankfurt/Main, wo er sich bis zum Sommer 1941 aufhielt. Im September 1941 floh er über Lissabon nach Havanna/Kuba. Im Dezember 1945 konnte er in die USA einreisen. Am 12. September 1948 starb er in New York.

Hommage der Abitursklasse 1914 an ihre Lehrer des Realgymnasiums Aalen
Hommage der Abitursklasse 1914 an ihre Lehrer des Realgymnasiums Aalen (© )

Rombacher Str. 30 / Ecke Parkstr. 11

Am 10. November 1896 wurde Otto Julius Norbert Tugendhat in Großeislingen bei Göppingen (Württ.) als Sohn des aus Galizien stammenden Juden Bruno (Bronislaw) Arthur Tugendhat und der aus Ungarn stammenden Jüdin Friedericke Geiringer geboren, die in Großeislingen am 3. November 1895 geheiratet hatten.

Die Elternfamilie hatte es im Zuge einer Phase der gesellschaftlichen Gleichberechtigung zu Wohlstand gebracht und Vater Bruno übernahm 1895 die technische Leitung der Papierfabrik Fleischer in Großeislingen. Er war, wie viele jüdische Persönlichkeiten, mit seiner Familie zum katholischen Glauben konvertiert, da dieses damals in leitenden Berufen erwartet wurde.

Mit drei Jahren kam Norbert mit seiner Familie nach Unterkochen, da sein Vater Direktor der Papierfabrik Unterkochen wurde. Seit 1904 war Norbert nachweislich katholischer Schüler am Reformrealgymnasium Aalen (dem heutigen Schubart - Gymnasium). Er war hier einer der ersten Schüler, der zusammen mit seinen sechs Mitschülern das 1. Maturum 1914 (Abitur) erfolgreich bestand. Ein Mitschüler beschreibt ihn in seinen Erinnerungen als Schüler „voll Seelengüte und Klugheit, der ein Könner auf dem Gebiete der Papiertechnik und ein geborener Organisator“ war. „Er hat uns schon damals gesagt, dass eine richtige Organisation, heute würde man sagen Arbeitsvorbereitung, für jede wissenschaftliche und technische Leistung die Grundlage darstelle.“ Im Protokoll der Reifeprüfung vom 15. Juli 1914 wird erwähnt, dass einer (Anmerkung der Redaktion: vermutlich Norbert) beabsichtigt gewerblicher Papiermacher zu werden. Der kurz darauf beginnende 1. Weltkrieg hat diese Planung stark beeinflusst, da Norbert Soldat wurde und für sein Vaterland in den Krieg zog. Während des Krieges erlitt er eine schwere Kopfverletzung, an deren Folgen er lebenslang litt. Nach 1918 ist sein Lebensweg offen. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs der Naziopfer wird Berlin als Wohnort angegeben, und erst 1923 ist nachweislich Hamburg sein Wohnsitz. Hier wurde Anna am 19. Mai 1923 seine Ehefrau.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden sie damit konfrontiert „Juden“ zu sein. Um der Verfolgung zu entgehen emigrierten sie am 1. Januar 1939 nach Frankreich, wo sie wohl in Paris wohnten. Dort wurde er verhaftet und am 31. Juli 1944 im Konvoi 77 von Drancy zusammen mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert. Dort erhielt er am 3. August 1944 die KZ -Nr. B3941. Seine Frau wurde in Auschwitz ermordet. Norbert Tugendhat kam am 28. Oktober 1944 ins KZ - Lager Stutthof (Registrierungsnummer 100353) bei Danzig und von dort im November 1944 ins Außenlager Hailfingen/ Tailfingen bei Rottenburg (Registrierungsnummer 40967), einem Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Bereits am 2. Dezember 1944 war Norbert Tugendhat tot - erschossen (fiktive Todesursache Herzmuskelschwäche) und wurde im Krematorium im Reutlinger Friedhof eingeäschert. Norbert Tugendhat, wurde im Alter von 48 Jahren ermordet.

Während Norbert Tugendhat am Gymnasium von 1904 bis 1914 eine „gute“ Zeit erleben durfte, ging es seinen jüngeren Halbschwestern Anneliese, Annemarie und Liselotte nach der Machtergreifung 1933 wesentlich schlechter, da sie als „Halbjuden“ drangsaliert und gedemütigt wurden. Nur durch den Schutz ihrer „arischen“ Mutter wurden sie von weiteren „Maßnahmen“ verschont und konnten so das 3. Reich überleben.

Karl Schiele (blaues Kreuz) mit seinen SHW-Kollegen
Karl Schiele (blaues Kreuz) mit seinen SHW-Kollegen (© )

AA - Hofherrnweiler, Hofherrnstraße 28

Karl Schiele wurde am 8. Januar 1898 in Aalen-Hofherrnweiler als achtes Kind des Gipsers Johann Christian aus Hofherrnweiler und Johanna Barbara Schiele geboren. Von den insgesamt dreizehn Kindern starben sieben noch im Säuglings- oder frühen Kinderalter. Seine Gipserlehre musste Karl Schiele, bedingt durch den Ersten Weltkrieg, abbrechen. Nach dem Krieg arbeitete er bei den Schwäbischen Hüttenwerken in Wasseralfingen, wo er eine Ausbildung als Heizer machte. 1923 heiratete er in Unterrombach Maria Ertinghorn. Das Ehepaar hatte ein Kind Maria.

Karl Schiele war ein vielseitig interessierter und aktiver Mensch. Als Sportfan war er Mitglied der TSG Hofherrnweiler, weiterhin des Metallarbeiterverbands, der Roten Hilfe und der KPD. Kaum war die NSDAP an der Macht, wurde er zusammen mit einer großen Anzahl anderer Mitbürger aus Hofherrnweiler und aus ganz Aalen in einer Massenverhaftung am 20. März 1933 in eines der ersten KZ, das „Schutzhaftlager“ Heuberg, verschleppt und blieb dort bis 11. April 1933 der Willkür der Bewacher ausgesetzt. So sollte in den ersten Wochen der Naziherrschaft speziell der Widerstandswillen der Arbeiterparteien SPD und KPD und ihrer Anhänger gebrochen werden. Unter anderen waren dort auch prominente Politiker wie Kurt Schumacher gefangen. 

Nachdem die Nazis 1939 den zweiten Weltkrieg begonnen hatten, war Karl Schiele trotz der am eigenen Leib erfahrenen Willkür unerschrocken genug, sich im Rundfunk bei Auslandssendern zu informieren. Durch die unter Folter erpresste Aussage eines Sportskameraden erfuhr davon die Geheime Staatspolizei, die Sonderpolizei der Nazis zur Unterdrückung jeglicher Opposition. Am 6. März 1940 wurde Karl Schiele von seiner Arbeitsstelle bei den Schwäbischen Hüttenwerken weg von der Gestapo verhaftet. Am 27. April 1940 wurde er vom Sondergericht Stuttgart wegen „Rundfunkverbrechen“ zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Seine im gleichen Prozess mitangeklagte Frau Maria sollte zur Aussage gegen ihren Mann gezwungen werden, aber sie weigerte sich und wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt und in Gotteszell inhaftiert. Seit 1940 waren die Anklagen wegen solcher „Rundfunkverbrechen“ im ganzen Deutschen Reich sprungartig in die Höhe geschnellt und die Sondergerichte, eine NS-Paralleljustiz neben den üblichen Gerichten, war eigens für derartige „staatsfeindliche“ Delikte ins Leben gerufen worden.

Im November 1940 wurde Karl Schiele vom Zuchthaus Ludwigsburg in eines der berüchtigten „Moorlager“, ins Lager Aschendorfermoor/Emsland, verlegt, nachdem er in einer ärztlichen Untersuchung als „moorfähig“ klassifiziert worden war. Diese Eingruppierung sollte sich im Nachhinein als sein Todesurteil herausstellen. Denn nach seiner Haftentlassung im Juni 1942, sieben Monate später als im Urteil angegeben, war er todkrank. Damit Karl Schiele pro Forma seine Arbeitstelle wieder antreten konnte, arbeiteten seine Arbeitskollegen bei den SHW vier Wochen lang für ihn mit, aber tatsächlich war er völlig arbeitsunfähig. Seine Frau schilderte diese Zeit so: „Als Karl Schiele am 6. März 1940 von seiner Arbeitsstelle aus verhaftet wurde, erfreute er sich nachweislich voller Gesundheit. Aber durch die unmenschlichen Strapazen und Entbehrungen, Kälte, Hunger und übermenschliche Arbeitsanstrengungen, erkrankte er an Lungentuberkulose, magerte ab zum Skelett. Von der Lagerverwaltung als völlig unbrauchbares Subjekt bezeichnet, wurde er völlig mittellos entlassen. Todkrank, nach siebenmonatiger Mehrverbüßung, kam er nach Hause. Trotz aller Bemühungen verbesserte sich sein Zustand nicht mehr und am 3. April 1944 verstarb er in der Heilstätte Wilhelmsstift Isny...“.

Karl Schieles Frau erwirkte nach Kriegsende die Aufhebung des Urteils und die amtliche Anerkennung von Karl Schiele als politisch Verfolgter des Nazi-Regimes. Angesichts der dürftigen Entschädigung und Rente musste sie in den Nachkriegsjahren in sehr ärmlichen Verhältnissen leben und sich mit Putzarbeiten über Wasser halten.

Auf dem Bild ist Maria Theresia Angstenberger zu sehen.
Maria Theresia Angstenberger (© Stadt Aalen)

Aalen-Treppach, Bodenbachstraße/Pfahlstraße

Das Leben der Maria Angstenberger, geb. am 13. März 1927, verlief zunächst wie das vieler Kinder in einer bäuerlich geprägten Umgebung. Neben der Schule war die Mitarbeit in der elterlichen Landwirtschaft ein Muss. Ihr Heimatort Treppach - ein Teilort von Wasseralfingen - bestand überwiegend aus landwirtschaftlichen Anwe­sen und einer Gastwirtschaft.

Nach Beendigung der Schulzeit arbeitete Maria verstärkt auf dem Hof, zumal ihr Vater an Krebs erkrankt war. Von Zeitzeugen wird Maria als biederes, aber nettes, lebensfrohes Mädchen beschrieben.
Zur Unterstützung bei der Feldarbeit kam 1943 auch ein polnischstämmiger „Knecht" (so die Zeitzeugen) auf den Hof. Maria und dieser „Knecht" namens Boguslaw (August) Drazek arbeiteten täglich zusammen. Mit der Zeit entwickelte sich, wie Zeitzeugen berichten, eine Freundschaft, eine ,Beziehung' zwischen den beiden jungen Leuten. Sie begingen das „Verbrechen Liebe" (Thomas Muggenthaler). Seit 1940 war der „geschlecht­liche Umgang" von Deutschen mit polnischen Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen aus rasseideo­logischen Gründen verboten und mit harten Strafen bedroht. Frauen drohte KZ-Haft, polnischen Männern die Todesstrafe.

Maria wurde schwanger - die Schwangerschaft wurde verheimlicht. Zur Entbindung ging die 16-jährige Maria nach Ellwangen in die Geburtsklinik „Annaheim", offensichtlich war dies eine Vorsichtsmaßnahme.

Am 21. Dezember 1943 wurde das Kind geboren, ein Junge, der auf den Namen Günter getauft wurde. Am 6. Januar 1944 verließ Maria - offensichtlich ohne ihren Sohn - die Klinik. Bei der Ankunft auf dem Bahnhof in Hofen erwarteten sie Polizisten des Polizeipostens Wasseralfingen und nahmen sie mit zum Verhör. Maria versuchte noch einen deutschen Soldaten als Vater des Kindes zu benennen, aber die Polizei in Wasseralfingen war bereits bestens informiert über die mutmaßliche Vaterschaft. Ganz besonders „engagierte" sich der Leiter der Polizeistelle, Alfred Dizinger, bei den Nach­forschungen über die Vaterschaft des Kindes.

Nach eineinhalbstündigem Verhör konnte Maria nach Hause gehen, doch bereits am 13. Januar 1944 wurde sie nach Stuttgart in das berüchtigte „Hotel Silber", die Gestapo-Zentrale, beordert. Von diesem Ort des staatlichen Terrors kam sie nicht mehr zurück. Zuerst folgte die Inhaftierung im Jugendgefängnis Waiblingen. Nach einigen Wochen erhielt ihre Mutter die Auf­forderung, ihrer Tochter für vier Tage Verpflegung zukom­men zu lassen. Frau Angstenberger folgte diesem „Befehl", fuhr ins Gefängnis, durfte aber ihre Tochter nur kurz sehen. Sprechen durfte sie nicht mit ihr.

Die Hoffnung, bald wieder nach Hause zu dürfen, erfüllte sich nichtl Die Verpflegung sollte für eine Überführung nach Mecklenburg reichen. Dort gab es das „Jugend­schutzlager" Uckermark. In diesem KZ wurden Mädchen und junge Frauen weggeschlossen, deren Lebensweise angeblich eine Bedrohung für das NS-Regime darstellte. Das Jugend-KZ Uckermark war organisatorisch und strukturell mit dem sich in der Nähe befindenden Frauen­KZ Ravensbrück verbunden. Von diesem Jugend-KZ erhielten die Eltern drei Briefe ihrer Tochter. Sie schrieb, wie es ihr geht, aber über eine etwaige Entlassung oder über das, was ihr zur Last gelegt wurde, durfte sie nichts erwähnen. Die Jugendlichen waren den gleichen Schi­kanen und Erniedrigungen ausgesetzt wie die Insassen eines KZs für Erwachsene. Die „Aufnahmeprozedur" fand im Hauptlager in Ravensbrück statt: Den Neuankömmlin­gen wurden alle persönlichen Habseligkeiten abgenommen. Sie bekamen als einzige Kleidungsstücke die gestreifte Häftlingskleidung sowie eine Häftlingsnummer zugeteilt. Ihnen wurden die Köpfe kahlgeschoren und sie mussten sich in entwürdigender Art und Weise völlig nackt den SS-Ärzten zeigen.

Erzieherische Maßnahmen, wie es die NS-Propaganda vorgaukelte, fanden in keiner Weise statt. Der Alltag der Mädchen und Frauen bestand aus Sklavenarbeit, Schikanen (absolutes Sprechverbot, militärischer Drill, körperliche Strafen) und einer völlig unzureichenden Ernährung. Diese sowie die mangelhafte medizinische Versorgung führten zu Unterernährung und vielen Infek­tionskrankheiten. Einige der Gefangenen starben an giftigen Pflanzen, die sie aus Hunger gegessen hatten. Untergebracht waren bis zu einhundert Mädchen und junge Frauen in von der SS bewachten Baracken, von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Einige der Jugendlichen wurden auch durch unmittelbare Gewaltaktionen wie Erhängen umgebracht oder von Hunden gehetzt und zerfleischt.

Maria Angstenberger überlebte diese Torturen nicht, sie starb am 13. Juni im Alter von 17 Jahren. Am 23. Juni 1944 erreichte die Eltern die Todesnachricht. Die verzweifelten Eltern wollten die Todesursache erfahren: Diphtherie sei es gewesen, so die Antwort aus der Uckermarkl

Der Sohn Günter starb bereits vor seiner Mutter. Im Wasseralfinger Standesamt ist als Todestag der 12. April 1944 vermerkt. Die Todesursache des Säuglings ist nicht bekannt. Eine Augenzeugin berichtete den Angehörigen allerdings, dass das Kind wenige Tage vor seinem Tod blau im Gesicht ausgesehen habe. Auch wenn im Fall Günter Angstenbergers genauere Erkenntnisse nicht mehr zu gewinnen waren, zeigen ähnliche Fälle, dass der NS-Staat kein Interesse am Überleben der Kinder von polnischen Zwangsarbeitern hatte, selbst wenn die Mutter Deutsche war.

Das Schicksal Boguslaw Drazeks konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Die Zeitzeugen konnten nur sehen, wie er verhaftet und abgeführt wurde. Wie man aber von zahlreichen ähnlich gelagerten Fällen weiß, wurden „Ostarbeiter" und Kriegsgefangene, denen man „verbotenen Umgang" vorwarf, oft vor den Augen ihrer Arbeitskollegen hingerichtet. Marias Urne wurde auf dem Friedhof in Dewangen im Grab ihrer Großmutter bei­gesetzt.

Marias Angehörige, vor allem ihre Mutter, kämpften noch viele Jahre nach dem Krieg für die gerichtliche Anerkennung des schreienden Unrechts, das ihrer Tochter angetan worden war. Die Begründung für die Verweigerung dieses Anspruchs ist unfassbar schäbig: Maria sei kein Opfer des NS-Regimes gewesen; es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine Verfolgung der Tochter der Klägerin durch NS-Gewaltmaßnahmen ergeben (so das Landgericht Stuttgart im Jahr 1966). Diese Haltung des Gerichts zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten zeugt auch von einem über den Krieg hinaus nachwirkenden Rassismus. Sie ist geradezu eine Verhöhnung der Opfer - so als ob jemand geradezu selbst schuld sei an seiner eigenen Ermordungl

Auch im Hinblick auf unsere Gegenwart, die nicht frei ist von ,gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit' (Wil­helm Heitmeyer), sollte die Erinnerung an Maria und Günter Angstenberger und Boguslaw Drazek wachgehalten werden.

Auf dem Bild ist Adam Michael Vogt zu sehen.
Adam Michael Vogt (© Stadt Aalen)

Aalen-Wasseralfingen, Schloßstraße 42

Dort, wo sich heute ein Kreisel befindet und der Eingang zur Fußgängerunterführung Schüler zum Schulzentrum im Tal führt, stand einst das Haus des Schuhmachers Adam Vogt. Es ist schon lange vergessen, mehr noch, ein Mantel des kollektiven Schweigens hat sich über die Geschichte dieser ehemaligen Schuhmacherei gelegt. In der Nazizeit widerfuhr dort der Familie Vogt so Traumatisierendes, dass später niemand in der Familie mehr daran rühren wollte, und natürlich erst recht nicht die damaligen örtlichen Nazigrößen und der von ihnen mobilisierte Mob, dessen Zusammenrottung das Ende der einst gut gehenden und anerkannten Schuhmacherei bedeutete und die Familie in Armut stürzte. Erst 60 Jahre später - unter dem Eindruck wieder aufflammender Übergriffe von Neonazis - hat die Tochter und Ordensfrau Elisabeth Vogt gegen Ende ihres Lebens die Kraft gefunden, sich dem damaligen Geschehen zu stellen und ihre Erinnerungen verfasst. In einem Zeitungsbericht von Erwin Hafner in der Schwäbischen
Post und anschließend in einem Aufsatz von Sibylle Schwenk in einer Buchreihe zur Heimatgeschichte sind das damalige Geschehen und das Schicksal von Adam Vogt und seiner Familie erstmals der Öffentlichkeit wieder vorgestellt worden.

Adam Michael Vogt wurde am 20. August 1904 in Adelmannsfelden geboren. Er heiratete Theresia Opferkuch aus Wasseralfingen, machte dort ein Schuhmachergeschäft auf und war bei seinen Mitbürgern seines humorvollen Wesens wegen ein gut gelittener und gern gesehener Mann, der zudem sein Handwerk ver­stand. Dass er und seine Frau den Nazis ablehnend ge­genüberstanden, daraus machten sie keinen Hehl und das war auch für Wasseralfingen, wo die Nazis erst spät Fuß fassen konnten, nichts Ungewöhnliches. Die Tochter Elisabeth schrieb in ihren Lebenserinnerungen darüber: ,,( .. ) dass mein Vater - weniger meine Mutter - nicht mit ernsthaften Konsequenzen seiner ablehnenden Haltung rechnete, zumal er viele der ins Lager der Nationalsozia- listen abgewanderten Leute kannte und mit manchen von ihnen befreundet war( .. ) [und so] rechnete er nicht damit, dass Freunde, Bekannte und Mitbürger für dieses System zu Denunziation und Vernichtung bereit sein könnten."

Zum Verhängnis wurde ihm diese Unbefangenheit und Offenheit erst 1939, als er das jüdische Ehepaar Gustav und Emma Mayer, Besitzer einer Schuhfabrik in Schwäbisch Gmünd, dabei unterstützte, wegen der sich immer mehr zuspitzenden Lage in die USA auszuwandern. Weil die Inhaber der Schuhfabrik mit den Vogts gut befreundet waren, hatte sich Adam Vogt um eine Ausreisegenehmigung für seine Freunde bemüht und die Schiffskarten für sie bezahlt, da die jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen zu dieser Zeit schon nicht mehr frei über ihr Geld verfügen konnten. Zum Dank ließen sie ihm noch kurz vor ihrer Abreise Material aus ihrer Schuhfabrik zukommen, das Adam Vogt aber in seinem eigenen Betrieb nicht verwenden konnte. So blieben die Materialien und Gegenstände einfach eingelagert. Diese Restbestände waren der Vorwand dafür, dass Adam Michael Vogt am 28. November 1939 von der Gestapo verhaftet wurde. Vorausgegangen waren zwei Denunziationen: ,,Die Meldung über dieses ,Judengeschäft' an die Gestapo war von dem Ortsgruppenleiter der SA und früheren Freund meines Vaters, Adolf Hinderer, Wirt des Gasthauses ,Hecht' an der Wilhelmstraße in Wasseralfingen, ausgegangen. ( .. ) Zu dieser Straftat, ,Judenware' eingelagert zu haben, und dem Kontakt mit jüdischen Mitbürgern wie Gustav Mayer und einem Holzhändler aus Oberdorf, dem mein Vater Holzteile abgekauft hatte, kam als weiteres Delikt hinzu, dass im Hause Vogt regelmäßig ausländische Radiosender gehört wurden. Ein tschechischer Mann mit Vornamen Bohuslav war im Zuge der Wohnraumrequirierung ins Haus gekommen. Dass er gezielt als Spion eingewiesen worden war, wurde erst später registriert, als es schon zu spät war. Bohuslav hat brav über das Abhören ausländischer Sender im Hause Vogt bei der Gestapo Bericht erstattet."

Am 30. November rotteten sich SA- und HJ-Leute vor dem Haus der Familie Vogt zusammen und drangen schließlich ein. Elisabeth Vogt schildert dieses schreckliche Ergeignis „Meine Mutter hatte sich schon zurückgezogen, als vor unserem Haus am Marktplatz 20 ein Tumult entstand, die Eingangstüre aufgebrochen wurde und SA-Männer und Hitlerjugend ins Haus eindrangen, auf dem Marktplatz in Sprechchören ,Heraus mit der Judenware' forderten, Geschäft und Privatwohnung durchwühlten und plünderten und die schwangere Frau mit einem zweijährigen Kind auf dem Arm aus dem Haus wiesen. ( ... ) Ein paar Tage [da]vor ( ... ) war mein Vater ( .. ) zum Rathaus der Gemeinde Wasseralfingen bestellt worden. Als er gegen Abend immer noch nicht nach Hause gekommen war, ahnte meine Mutter nichts Gutes. Sie überließ mich einem Kindermädchen und die Gesellen und Lehrlinge in der Schuhmacherwerkstatt sich selber, schloss das Schuhgeschäft ab und ging persönlich zum Rathaus, um sich zu erkundigen. Dort erhielt sie die Auskunft von seiner Verhaftung und seiner Überstellung ans Landgericht Ellwangen. Meine Mutter war zu dieser Zeit schwanger mit meinem Bruder Siegfried, der vier Mo­nate später mit einer schweren Geburtsschädigung zur Welt kam und lebenslang schwerst körperlich und gei­stig behindert war. Dieser Abend und diese Nacht müssen sehr schwer für sie gewesen sein; ein Trauma, über das nicht gesprochen worden ist. ( ... ) Ich erfuhr nur, dass sie sofort am nächsten Morgen mit dem Zug nach Ellwangen gefahren sei, um beim Landgericht vorstellig zu werden. Dort sei sie brüsk abgewiesen worden mit der Bemerkung, dass [ihr Mann] bereits verschickt sei. Sie sei also unverrichteter Dinge zu­rückgekommen und habe Werkstatt und Schuhgeschäft in Gang gehalten. (. .. ) Meine Mutter blieb ohne Nachricht. Nachforschungen waren erfolglos. Werkstatt und Schuhgeschäft konnten nur noch kurze Zeit weiter­geführt werden, weil sie danach beschlagnahmt wor­den sind."

Was mit Adam Michael Vogt nach seiner Verhaftung passiert ist, konnte erst später rekonstruiert werden. Im Fragebogen für vermisste Personen, den der Lan­desausschuss Württemberg-Baden für politisch Verfolgte des Naziregimes aufnahm, sind die wichtigsten Stationen kurz zusammengefasst: ,,Wurde politisch verfolgt -ja - verhaftet am 28.11.39 von der Gestapo - Urteil: Wegen Abhören feindlicher Sender und Kauf von Waren bei Juden - Untersuchungshaft vom 28.11.39 bis 12.12.39 in Ellwangen - Gefängnis vom 13.12.39 bis 18.12.39 in Stuttgart, KZ vom 18.12.39 bis 14.340 in Welzheim." Nach fünfmonatiger Haft kehrte Adam Vogt verstört aus dem KZ zurück, hatte aber unterschreiben müssen, nichts über den KZ-Aufenthalt zu berichten. Kurze Zeit später, einen Tag nach der Geburt seines Sohnes, wurde er plötzlich zu einem Bau - Bataillion eingezogen und an die Ostfront geschickt. Dies geschah entgegen den üblichen Regu­larien, die den Jahrgang 1904 nicht für eine Einberufung vorsahen. Adam Vogt wurde im Januar 1943 als vermisst gemeldet. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gibt als Todes-/Vermisstenort an Rossosch/Sotnitzkaja/ Rossosch Fluss Geb. v. Woronesh.

Nach der Verfolgung ihres Mannes und nach seinem Tod lebte Theresia Vogt in ärmlichen Verhältnissen. Nach Kriegsende versuchte sie, Wiedergutmachung für das erlittene Leid, den wirtschaftlichen Verlust sowie Unterstützung für das behinderte Kind zu erlangen. Noch im Jahr 1946 war der Fall vom Landesausschuss Württemberg-Baden für politisch Verfolgte des Nazi-­Regimes als politische Verfolgung anerkannt worden, wobei sogar darauf verwiesen wurde, dass der Fall ortsbekannt sei. Und noch im Jahr 1947 war Theresia Vogt eine finanzielle Unterstützung wegen der politischen Verfolgung ihres Mannes zugesprochen worden. Aber schon 1949 wurde ihr von der Landesbezirksstelle für Wiedergutmachung in Stuttgart mitgeteilt: ,,Nach den jetzt geltenden Bestimmungen können Sie eine laufende Beihilfe in Zukunft nicht mehr erhalten. Sie gelten nicht als Hinterbliebene eines Opfers der nat.-soz. Gewalt­herrschaft, da Ihr Ehemann in Russland vermisst ist und daher als Kriegsopfer anzusehen ist." Solche Fälle wie der des Adam Vogt wurden nicht mehr als Verfolgung durch nationalsozialistisches Unrecht gewertet. So wurde die Familie ein zweites Mal im Unrecht allein gelassen.

Elisabeth Vogt erinnert sich noch im Alter an das damalige Geschehen „Obwohl ich damals nur etwas mehr als zwei Jahre alt war, hat sich diese Erinnerung an Geschrei, Lärm und Bedrohung tief in mir eingeprägt, so dass sie durch all die Jahre meines Lebens bei verschiedenen Anlässen oder auch ganz plötzlich ohne Vorwarnung auftauchen konnte." Aber sie konnte fast ihr ganzes Leben lang nicht über das Geschehene reden. ,,In der Zwischenzeit bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es eine Verantwortlichkeit gibt, das Schweigen aufzugeben. Denn nach mir kommt niemand mehr, der das, was geschehen ist, weitergibt; nicht nur als Ehrenrettung für meine Eltern, sondern auch als Beispiel, wie schnell durch Druck, Angst und Bedrohung aus Freunden Verräter und aus normalen Mitbürgern willige Vollstrecker werden können. Am Ende der Nazi-Ära hatte sich ein großes Schweigen ausgebreitet über das, was geschehen war, im Mutigen wie im Versagen. (..) Dieses Vergessen-Wollen ließ viele verstummen. Es blieb etwas Unaussprechliches, an das man nicht rührt und das in einem doch vorhanden bleibt, ob man will oder nicht. Amelie Fried schreibt im Vorwort zu ihrer Fami­liengeschichte: ,Familiengeheimnisse haben eine starke und unberechenbare Wirkung. Die seelischen Ver­letzungen werden weitergegeben, von Generation zu Generation, auch und gerade durch das Schweigen. Ich glaube fest daran, dass nur, indem wir das Schweigen brechen, indem wir fragen und zuhören, diese Verletzungen irgendwann heilen können.' Das Geheimnis der Erlösung und Befreiung heißt nach wie vor Erinne­rung.

Österleinstraße 6/1, 73430 Aalen

Kindheit

Anna Katharina Kollmannthaler wurde am 15. Juni 1898 in Neuler
als Tochter der unverheirateten Theresia Kollmannthaler (geb.
am 28. Juli 1876 in Neuler, verstorben am 6. September 1932 in
Aalen) geboren. Ihre Mutter wohnte damals bei ihren Eltern in
Neuler Hausnummer 99 (Jahnstraße 14). Anna Katharina Kollmannthaler
erlebte ihre Kinderjahre bei der Mutter in Neuler.


Jugend

Am 22. Juli 1911 heiratete Theresia Kollmannthaler den seit 1910
verwitweten Bahnarbeiter Leopold Gentner (geb. am 01. Februar
1861 in Fachsenfeld-Schlossreute, verstorben am 17. August
1938) und nahm den Familiennamen Gentner an. Am selben Tag
übersiedelte Theresia mit der 13-jährigen Tochter an den Wohnsitz
des Ehemannes Leopold Gentner in die Mittelbachstraße 11
nach Aalen. Zur Familie gehörten noch dessen zwei Söhne aus
der ersten Ehe. Weitere Kinder hatte das Paar nicht. Später zog
die Familie in die Bahnhofstraße 94 und wohnte ab 1929 in der
Kocherstraße 6b (heute Österleinstraße 6/1).


Psychiatrisierung

Am 6. September 1932 verstarb die Mutter Theresia Gentner
recht früh im Alter von 56 Jahren. Die Belastungen für die Familie
im Zusammenhang mit dem Todesfall, waren dann wohl die
Ursache, dass Anna Katharina Kollmannthaler mit 34 Jahren am
10. Februar 1933, in die Heilanstalt Heggbach (Landkreis
Biberach) eingeliefert wurde. Das Städtische Wohlfahrtsamt/
Ortspflegeverband Aalen übernahm die Kosten für den Heimaufenthalt.


Diagnose

Über Anna Katharina Kollmannthaler liegt eine Akte im Bundesarchiv
Berlin vor. Es handelt sich um ein Blatt mit der Krankengeschichte,
die bei der Aufnahme in die Pflegeanstalt Heggbach
am 10. Februar 1933 protokolliert wurde. Darin diagnostiziert der
untersuchende Arzt eine geistige Behinderung mit dauernder
Hilfebedürftigkeit. Allerdings seien die Ärzte der Auffassung, dass
sie leichte Hausarbeiten verrichten könne.


Ermordung in Grafeneck

Anna Katharina Kollmannthaler wurde am 14. September 1940
auf Anordnung des Justizministeriums Württemberg im Rahmen
der „Aktion T4“ nach Zwiefalten überstellt. Zur damaligen
Situation in den Heilanstalten berichtet der Assistenzarzt Paul
Kraus: "… 1939/40 wurden die Patienten aus Heggbach und aus
anderen Pflegeheimen in die Heilanstalt Zwiefalten verlegt, weil
die vorherigen Einrichtungen aus "planwirtschaftlichen Gründen"
aufgelöst worden sind. Zwiefalten war dadurch völlig überfüllt.
Hunderte von Kranken warteten in notdürftigen Unterkünften
(auf blankem Stroh!) auf ihre letzte Fahrt. Manchmal waren sie
wie Heringe auf Stroh geschichtet. Eine Reihe starb meist schon
während der Wochen des Wartens auf den Weitertransport." Aus
Zwiefalten wurde Anna Katharina Kollmannthaler am 4. Oktober
1940 in die Tötungsanstalt Grafeneck abtransportiert und dort
ermordet.


Anmerkungen zur Aktion T4 und Grafeneck

Materialien aus Wikipedia
In der Tötungsanstalt Grafeneck bei Gomadingen im heutigenbaden-württembergischen Landkreis Reutlingen wurden im Jahr1940 im Rahmen der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, der so genannten Aktion T4, systematisch10.654 Menschen mit Behinderung, vor allem aus Bayern, Baden und Württemberg, aber auch aus Hessen und dem heutigen Nordrhein-Westfalen, ermordet. Die systematischen Ermordungen begannen am 18. Januar 1940 in Grafeneck in einer als Duschraum getarnten Gaskammer, die sich in einer„Garage“ befand: Der Anstaltsarzt ließ Kohlenmonoxid in den Vergasungsraumeinströmen. Das Gas stammte von der IG Farbenindustrie im Werk Ludwigshafen (BASF). Die ersten ermordeten Patientenstammten aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Insgesamt kamen die Opfer aus 49 Einrichtungen für Behinderte und psychisch Kranke, von denen 17 in Baden, 12 in Württemberg, 7 in Bayern sowie jeweils eine in Hohenzollern, in Hessen und in der Rheinprovinz lagen. Am 13. Dezember 1940 wurden die letzten Opfer im Krematorium verbrannt.


Aktion T4

Aktion T4 ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für den systematischen Massenmord mittels Giftgas an mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigenund seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen innerhalb des Deutschen Reiches. Die Mordaktion dauerte von1940 bis 1941 und stand unter Leitung der Zentraldienststelle T4. Sie war Teil der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, denen bis 1945 über 200.000 Menschen zum Opferfielen. „T4“ ist die Abkürzung für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin: Tiergartenstraße 4. Zu Beginn der Aktion befand sich die Dienststelle im Columbushaus. Neben rassenhygienischen Vorstellungen der Eugenik sind kriegswirtschaftliche Erwägungen während des Zweiten Weltkrieges zur Begründung der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ herangezogen worden. Gleichzeitig mit ersten kirchlichen Protesten wurden die Tötungen nach „Leerung“ganzer Anstaltsteile von „Heil- und Pflegeanstalten“ (vor 1934 gewöhnliche Bezeichnung: „Irrenanstalt“) ab 1941 fortgesetzt.


Örtlichkeit

Schloss Grafeneck wurde um 1560 als Jagdschloss vonden Herzögen von Württemberg errichtet und in den Jahren 1762 bis 1772 zu einem barocken Schloss erweitert. 1929 kaufte die Samariterstiftung das Schloss, richtete ein Heim für Behinderte ein und legte 1930 einen eigenen Friedhof an. Das Schloss liegt etwa 25 Kilometer südöstlich der Kreisstadt Reutlingen zwischen Engstingen und Münsingen.

Auf dem Bild ist Alfred Bierman zu sehen
Alfred Bierman (© Stadtarchiv Aalen)

Bahnhofstraße 18, 73430 Aalen

Alfred Biermann wurde am 4. März 1891 in Erfurt als sechstes von acht Kindern geboren. Seine Eltern waren Jacques und Fanny Biermann, die in Erfurt ein Textilgeschäft besaßen. Die Familie war jüdischen Glaubens.


Das ehemalige Warenhaus Heilbron

Eduard Heilbron betrieb in der Bahnhofstraße 18 in Aalen ein Warenhaus. Er war Eigentümer des Gebäudes und Inhaber des Warenhauses. Ab Mai 1931 verpachtete er das Kaufhaus für fünf Jahre an die Firma „Wohlwert Staufia G.m.b.H.“ in Göppingen. Im August 1932 wurde Alfred Biermann als Geschäftsführer eingestellt, der 1931 Hedwig Kniesser geheiratet hatte, die keine Jüdin war. Das Ehepaar Biermann wohnte ab August 1932 indiesem Gebäude in der Bahnhofstraße 18. Die Umsatzentwicklung erfüllte allerdings nicht die Erwartungen der Pächter. Deshalb entschlossen sich die Kaufleute Alfred und sein Bruder Kurt Biermann, zum 1. Juli 1934 die Firma „Gebrüder Biermann OHG“ zu gründen, eine offene Handelsgesellschaft. Die „Biermann OHG“ trat dann als Untermieter in den bestehenden Mietvertrag ein. Alfred Biermanns Vater unterstützte das Vorhaben mit einem Darlehen über 60.000 RM für erforderliche Investitionen. Kurt Biermann verließ allerdings Aalen im Dezember 1935 und wohnte von da ab wieder in Erfurt. Nach dem Bekanntwerden der „Nürnberger Gesetze“ vom September 1935 wurde dem Ehepaar Biermann bewusst, welche Gefahren auf sie zukommen könnten, denn Alfred war Jude. Er entschied sich deshalb, aus der OHG auszutreten und nach Amerika auszuwandern. Hedwig Biermann nahm dann mit ihrem Vetter in Amerika Kontakt auf, um die Auswanderung ihres Ehemanns in die Wege zu leiten.


Auswirkungen der Machtergreifung der Nationalsozialisten

Die antisemitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten hatte neue Einschränkungen und Schikanen für die jüdische Bevölkerung zur Folge. So stellte die SA Wachposten vor dem Kaufhaus auf, um Kunden am Betreten zu hindern. Eines Tages erhielt Frau Biermann einen Anruf mit der Aufforderung, bis zum Abend das Haus zuverlassen, da das Gebäude in der Nacht in die Luft gesprengt werden würde. Nachdem die örtliche Polizei es ablehnte, Maßnahmen zuergreifen, engagierte Frau Biermann Wachleute einer privaten Wach- und Schließgesellschaft zum Schutz des Gebäudes, was dasgeplante Vorhaben vereitelte. Am 8. November 1938 - also bereits vor der Reichspogromnacht - wurde Alfred Bierman durch die Gestapo in Ellwangen in „polizeilichen Gewahrsam“ genommen. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November wurden die Schaufensterscheiben des Warenhauses eingeworfen und Alfred Biermann am 12. November ins KZ Dachau gebracht. Nur mittels eines Nachweises über eine beabsichtigte Auswanderung wurde seine Freilassung aus dem KZ in Aussicht gestellt. Mitte Dezember lag im Amerikanischen Konsulat in Stuttgart die Einreisegenehmigung für Alfred Biermann vor. Nachdem dies Hedwig Biermann erfahren hatte, bat sie Alfred Biermanns Schwester Erna Rudolph, die in Leipzig wohnte, bei der Gestapo in Ellwangen vorzusprechen. Sie selber wollte dort nichtvorstellig werden. Daraufhin wurde Alfred Biermann am 22.Dezember 1938 aus Dachau entlassen. Er fuhr am 23. Dezembernach Leipzig, wo er dann wohnte. In Aalen war er am 23. Dezember abgemeldet worden. Einige Tage später reiste Hedwig Biermann ebenfalls nach Leipzig, um ihrem Ehemann Geld und seinepersönlichen Sachen zu überbringen und mit ihm über die Fortführung des Warenhauses zu beraten. Alfred Biermann stellte es seiner Ehefrau frei, sich von ihm scheiden zu lassen, obwohl er sie nach wie vor liebte. Am 14. Februar 1939 wurde die Ehe geschieden,worauf Hedwig Biermann wieder ihren Mädchennamen Kniesser annahm. Ab 25. März 1939 firmierte das Warenhaus unter„Geschwister Kniesser K.G.“. 1940 heiratete Hedwig Kniesser den Kaufmann Georg Helm. Das Gebäude wurde schließlich am 22. April 1940 von Eduard Heilbron für 100.000 RM an das Ehepaar Helm verkauft.


Flucht nach Brüssel

Am 12. Juli 1939 floh Alfred Biermann nach Brüssel. Da er kein Einkommen mehr hatte, unterstützten ihn seine von ihm geschiedene Ehefrau als auch seine Schwester in Leipzig mit Lebensmittelpäckchen und Geld. Warum Alfred Biermann nichtnach Amerika ausreiste, ist nicht bekannt.


Verhaftung und Ermordung

Am 10. Mai 1940 überfiel Deutschland Belgien und Ende Maikapitulierte die belgische Armee. Das Land kam unter deutsche Militärverwaltung. In Brüssel lebten damals ca. 15.000 jüdische Flüchtlinge. Ab dem Sommer 1942 wurden von der Sicherheitspolizei Razzien durchgeführt. Auch Alfred wurdeverhaftet und dann in der Dossin-Kaserne der Stadt Mecheln(Malines) gefangen gehalten, die als Sammellager für Juden diente. Am 11. August 1942 wurde Alfred Biermann mit dem „Transport II“ in das KZ Auschwitz-Birkenau gebracht. Auf der Transportliste hatte er die Nummer 73. Der Transport kam am 13. August in Auschwitz-Birkenau an und bestand aus 999 Personen, von denen aber nur 516 registriert wurden. Alfred Biermann gehörte nicht dazu. Die nicht registrierten Personen wurden in der Regel umgehend nach der Ankunft ermordet. Alfred Biermann war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt. Er blieb auch nach dem Kriegsende vermisst. Auch Alfred Biermanns Brüder und zwei seiner Schwestern wurden ermordet. Einzig Erna Rudolph, geb. Biermann, überlebte den Holocaust.

Auf dem Bild ist Peter Kasper zu sehen
Peter Kasper (© Stadtarchiv Aalen)

Beinstraße 22, 73430 Aalen

Jugend in Armut
Peter Kasper wird am 17. März 1907 in Krettnich (preußische Rheinprovinz, heute Saarland), als jüngstes von neun Kindern einer verarmten, streng katholischen Kleinbauernfamilie geboren. Er wächst auf in bitterer Armut in einer Hütte mit Wänden aus Strohhäcksel und gestampftem Lehm. Peter absolviert die Volksschule, bleibt dann jedoch ohne eine weitere Ausbildung. Er arbeitet mit in der elterlichen Landwirtschaft. Bereits mit neun Jahren verliert er seinen Vater. Mit 16 Jahren, gerade Vollwaise geworden, wird Peter Kasper „Schlepper“ und „Hauer“ in der Grube „de Wendel“ in Petite-Roselle im französischen Lothringen. Als junger Bergmann versucht er, sich im Selbststudium wenigstens einen Teil der Bildung anzueignen, die ihm vorenthalten wurde.


Vom Katholiken zum Kommunisten

1928 wird Kasper Mitglied des kommunistisch geführten Lothringischen Bergarbeiterverbands und - wohl aufgrund seiner Aktivitäten in diesem Zusammenhang - 1929 entlassen. In Zeiten der beginnenden Weltwirtschaftskrise findet er im Saargebiet keine Beschäftigung mehr und bleibt arbeitslos. Seine Armuts- und Abstiegserfahrungen und die „Rechtlosigkeit der Arbeiterschaft“ (wie er später bei den Vernehmungen aussagt) führen dazu, dass er im April 1930 der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) beitritt. Er gibt als „Bekenntnis“ in der Folgezeit „glaubenslos“ an.

Kasper zieht mit seinen wenigen Habseligkeiten ins sogenannte Wurmrevier (einen Teil des Aachener Steinkohlereviers am Fluss Wurm), wo sein Bruder Michael als Bergmann arbeitet, und wird im September 1929 auf der Grube „Karl Alexander“ bei Baesweiler ‚angelegt‘, wie man in der Bergbausprache sagt. Doch schon am 1. September 1931 wird er fristlos entlassen, da er im Waschbereich seiner Arbeitsgruppe ein Flugblatt der „Revolutionäre(n) Gewerkschaftsopposition“ verteilt hat und denunziert wurde. Er erhält keine Arbeitslosenunterstützung und sieht „keine Hoffnung, dass (er) in absehbarer Zeit wieder Arbeit erhalten werde“.


Arbeitsemigration in die UdSSR

Angesichts der drohenden Verelendung in einer aussichtslos erscheinenden wirtschaftlichen Situation entschließen sich mehrere hundert Bergleute aus dem Wurmrevier, 28 von ihnen aus Baesweiler, mit ihren Familien auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise zu einem kühnen Schritt: der Auswanderung in die Sowjetunion. Auch Peter Kasper zählt zu ihnen. Am 25. September 1932 reist er aus. Die sowjetische Handelsvertretung in Berlin hatte um deutsche Arbeitskräfte für das Gebiet „Amerikanka“ im Donezbecken in der ukrainischen Sowjetrepublik geworben. 3300 kamen.


Arbeit als Bergmann, Funktionär, Journalist

Kasper kann im Donbass zunächst wieder als Bergmann arbeiten. 1932 heiratet er die gleichfalls aus Baesweiler ausgewanderte Sophie Neuss. Im selben Jahr wird die gemeinsame Tochter Helga geboren. Kasper ist begeistert von den Arbeits- und Lohnverhältnissen in der SU - anders als die meisten seiner Mit-Migranten, die schon bald wieder nach Deutschland zurückkehren. Er tritt der KPdSU bei, beteiligt sich an politischen Schulungen und übernimmt selber als „Brigadier“ die Leitung spezieller Kurse für deutsche Arbeiter. Im Winter 33/34 erwirbt er sogar die sowjetische Staatsbürgerschaft. Seit September 1933 redigiert er die deutschsprachige Werkszeitung „Sturm auf Kohle“.


In der Ukraine zur Zeit des „Holodomor“

„Holodomor“: so nennen Historiker in Anlehnung an den Begriff „Holocaust“ die große Hungerkatastrophe der Jahre 1932 und 1933 in der Ukraine. Bei dieser vermutlich von der Sowjetführung unter Stalin gewollten Hungersnot starben 3 bis 7 Millionen Menschen, 8-15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein Heer von Hungerflüchtlingen, ja Verhungernden zog durch den Donbass. Die Hungernden bettelten auch vor den Fabriktoren um Nahrung, doch selbst in den Fabriken herrschte Mangel. Im Vollzug dieser verbrecherischen Politik wurden bewaffnete Brigaden aus überzeugten kommunistischen Aktivisten eingesetzt, um Abgaben einzutreiben und nach versteckten Lebensmitteln zu suchen. Was hier an Entsetzlichem geschah, kann Peter Kasper nicht verborgen geblieben sein. Man muss sich fragen: War der überzeugte Kommunist Kasper, selbst kommunistischer Propagandist mit eingeschränkter Reichweite, in diese Aktionen verwickelt? Prof. Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für osteuropäische Geschichte der Universität Tübingen und ausgewiesener Experte für die Geschichte der Sowjetunion, hält es „eher für unwahrscheinlich, dass er an diesen Plünderungen/Überfällen auf die Dörfer der Region beteiligt war. Die Mörderbanden des NKWD wollten sicher bei ihren Gräueltaten keine Ausländer als Augenzeugen, zumal unklar blieb, ob diese nicht wieder die Sowjetunion verlassen würden.“ Nach allem, was wir wissen, war Kasper an Aktionen zur Verfolgung der besitzenden Bauern nicht beteiligt; er hielt jedoch trotz Wahrnehmung der Hungeropfer an seinen kommunistischen Überzeugungen fest.


Studium an der „Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens“

Seit 1932 strebt Kasper danach, Amerikanka zu verlassen. Nach zwei Absagen erhält er eine Zusage dieser Kaderschule der Kommunistischen Internationalen. Er kann ab September 1934 in Moskau (unter dem Decknamen „Stern“) studieren, um sich zum Komintern-Funktionär ausbilden zu lassen. Er wohnt im Internat der Schule. Geschichte, Naturwissenschaften, natürlich die Lektüre der marxistischen Klassiker, aber auch eine paramilitärische Ausbildung und der Umgang mit Waffen stehen auf dem Lehrplan.

Kaspers Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen, da lässt Stalin die Uni im Mai 1936 überraschend schließen. Viele Lehrkräfte und Studierende fallen in den nächsten Jahren dem stalinistischen Terror zum Opfer. Auch Kasper fürchtet, „in die Verfolgungen der Trotzkisten hineingezogen zu werden.“ (Vernehmungsprotokoll) Kaspers Lage ist hochprekär. Außerdem ist seine Ehe kurz zuvor gescheitert. Seine Frau hatte sich Anfang 1936 - nach sowjetischem Recht - scheiden lassen und war mit der vierjährigen Tochter nach Deutschland zurückgekehrt.


Rückkehr nach Nazi-Deutschland – unter den Augen der NS-Behörden

Im September 1936 reist Kasper seiner geschiedenen Frau nach Baesweiler nach, möglicherweise im vergeblichen Bemühen um Versöhnung. Er überschreitet legal die Grenze zum Deutschen Reich und meldet sich beim Rückwanderamt der NSDAP-Auslandsorganisation an. Er bezieht jetzt „Wohlfahrtsunterstützung“.


Wasseralfingen: Versuch eines Neustarts

Kasper versucht durch Vermittlung eines früheren Arbeitskollegen im fernen Wasseralfingen einen Neuanfang. Zunächst ab Ende Oktober 1936 als Bauhilfsarbeiter (u.a. bei der Firma Alfing Kessler), kann er ab dem 17. Februar 1937 in seinem Beruf als Hauer in der wiederaktivierten Erzgrube am Braunenberg bei den Schwäbischen Hüttenwerken arbeiten. Er findet eine Wohnung in der Bahnhofstraße 33a in Aalen.


Aalen - Aufbau einer Widerstandszelle gegen den Nationalsozialismus

Kasper ist weiterhin ein überzeugter, jetzt wohl auch ‚linientreuer‘ Marxist, der mit seinen Ansichten nicht hinter dem Berg hält und Gleichgesinnte sucht. So fragt er seine Arbeitskollegen ganz direkt, „ob in Aalen alles eingeschlafen“ und „kein kommunistischer Geist mehr vorhanden“ sei und preist die Verhältnisse in der Sowjetunion.

Bei einer gemeinsamen Arbeit auf dem Bau kommt er mit Otto Sauter ins Gespräch über ihre ‚linke‘ Vergangenheit. Sauter, geb. 31.8.1908, ist ein verheirateter Hilfsarbeiter, Mitglied der KPD und der „Roten Hilfe“. Über Sauter lernt Kasper Johannes Schneider kennen (geb. 6.6. 1906 in Coburg, verheirateter Arbeiter, bis 1933 Mitglied der KPD sowie des ‚Kampfbunds gegen den Faschismus‘). Johannes Schneider steht in Verbindung mit August Hirsch (geb. 17. 1. 1913, Konditorlehre, kein Mitglied in der KPD, aber für sie aktiv). Hirsch komplettiert die Aalener Gruppe, die man wohl ungefähr seit dem Jahreswechsel 1936/37 so nennen darf. Kasper bezieht eine Wohnung in der (damaligen) Schillerstraße 28 in Aalen, in der auch Hirsch wohnt.


Ideologische „Schulung“ - Ein Schachbrett als Tarnung

In Johannes Schneiders Wohnung in der Beinstraße 22, ihrem inoffiziellen Stützpunkt, trifft sich ab Ende Januar 1937 die im Werden begriffene Zelle. Die Treffen dienen hauptsächlich der Schulung im Kommunismus; man liest u.a. Marx‘ ‚Kapital‘ und hört - verbotenerweise - Radio Moskau. Zur Tarnung stellt man ein Schachbrett auf.


Revolutionäre „Gedankenspiele“ (Kasper, vor Gericht)

Die Gruppe erörtert die Möglichkeit, Flugblätter zu drucken. Man erwägt sogar, einen eigenen Geheimsender zu bauen. Aber vor allem fragt man sich, wie man die Arbeiter der ortsansässigen Rüstungsbetriebe wie Alfing Kessler, Schwäbische Hüttenwerke, Ostertag, Leitz (Oberkochen), Collis (Westhausen-Reichenbach) und die in Aalen stationierten Soldaten erreichen und mobilisieren könnte. Kasper interessiert sich besonders für die geheimnisumwitterten, vermutlich Waffen produzierenden Collis-Werke bei Westhausen-Reichenbach und erwägt sogar, sich dort eine Arbeitsstelle zu suchen. Doch es bleibt bei Diskussionen und vagen Plänen.


Aussichten auf praktischen Widerstand? Möglichkeiten am Horizont

Neuer Elan kommt in die Gruppe, als im Februar 1937, von Schneider angeworben, ein gewisser Josef Ziegler hinzustößt, der sich als Sprengstoffexperte präsentiert und zudem über Kontakte zur Aalener Remonte-Militärschule verfügt, wie er sagt. So wird die Gruppe noch um Wachtmeister Wenningmann erweitert, der sich einen „Proletarier im Waffenrock“ nennt und über die Situation und Stimmung der Soldaten berichten will. Kasper reagiert begeistert, nimmt die beiden Neuzugänge, die für eine Radikalisierung der Gruppe und extreme Maßnahmen eintreten, per Handschlag, umgehend in die Kommunistische Partei auf; - wohl ein eindeutiger Hinweis, dass er in offizieller Mission („Kominternagent“ lt. Wikipedia) unterwegs ist, vielleicht als unsicherer Kantonist auf ‚Frontbewährung‘ (was er bis zuletzt bestreiten wird). Kasper entwirft umgehend einen kühnen Sabotageplan: Als Grubenarbeiter könne er immer wieder Sprengstoffpatronen entwenden, aus denen Ziegler eine Bombe bauen könne; 100 Kilo Sprengstoff sollten genügen, „Alfing in die Luft zu sprengen“ (Ziegler lt. Vernehmungsprotokoll). Ein ähnlicher Plan wird für die Collis-Werke umrissen.


Umsturzpläne - Entwurf einer deutschen Revolution

Kasper ist von dem neuen Elan in der Gruppe begeistert, sieht die verschlafenen Aalener Kommunisten erwachen und spricht offen seine Hoffnungen und Pläne aus. Seine alten Mitstreiter reagieren eher verhalten. Ziel des kommunistischen Widerstands sei nichts weniger als der Sturz der Reichsregierung und der Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland. Schon beim ersten Zusammentreffen mit Ziegler soll Kasper gesagt haben; „Das Hitler-Regime muss gestürzt werden.“ (Vernehmungsprotokoll) Hierzu müsse auch die Aalener Zelle beitragen.

Nach dem Aufbau von Widerstandsgruppen in den Rüstungsbetrieben und in der Militärschule, sollten Sabotageakte in den kriegswichtigen Betrieben der Region folgen. Letztes Ziel sei der Aufbau einer großen, ebenso illegalen wie schlagkräftigen Organisation. Es gehe darum, die KPD aus dem Untergrund herauszuholen und deutschlandweit zu reaktivieren. Notwendig sei auch die „Beseitigung“ Hitlers als „größtem Lügner und Betrüger der Arbeiterschaft“. (Kasper lt. Ziegler). Die in der Zwischenzeit entstandenen „militärischen Zellen“ der KPD sollten (Kasper lt. Wenningmann) „die militärische Führung niederknallen“.


Kaspers Zukunftsvision: Marsch auf Berlin – auch von Aalen, Beinstraße 22, aus?

Kasper sah den Systemgegensatz zwischen Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus auf einen Krieg zulaufen: Nazi-Deutschland werde schon 1938 in eine schwere, die öffentliche Ordnung gefährdende Wirtschaftskrise geraten und die Sowjetunion aus ökonomischen Gründen überfallen. Doch der Angriff der Wehrmacht werde scheitern und die „Rote Armee“ siegreich in Deutschland einmarschieren. In dieser Situation seien die kommunistischen Widerstandsgruppen - auch die Aalener - gefordert, im Innern des Reichs einen Aufstand gegen das NS-Regime zu beginnen. Die regimekritischen Kräfte, angeführt von der KPD, würden durch einen „Marsch auf Berlin“ die Regierung stürzen und die Nazi-Diktatur beseitigen. Am Ende solle an die Stelle des Hitler-Regimes eine Volksfrontregierung - wie in Spanien - treten.
Doch am 19. Mai 1937 wird Peter Kasper verhaftet, seine Freunde folgen am nächsten Tag. Noch in der Vorbereitungsphase, als keine praktischen Aktivitäten geschehen sind, kein Flugblatt geflattert ist, greift die Gestapo zu. Die Vier verbringen Monate in Untersuchungshaft, zunächst in der Polizeizentrale „Hotel Silber“ in Stuttgart, danach im Gefängnis Plötzensee (Berlin). Erst eineinhalb Jahre später, im Oktober 1938, wird ihnen der Prozess gemacht.


Widerstand unter den Augen und der ‚Mitarbeit‘ der Gestapo

Der ‚neue Mann‘, Josef Ziegler, hatte die Gruppe umgehend bei der Kriminalpolizei Aalen angezeigt, die ihn auf die Gestapoleitstelle Ellwangen verwies. Diese instruierte ihn, als „V-Mann“ und „agent provocateur“ in die Gruppe einzutreten, um ihre Praktiken und Pläne auszuspähen. Die Gestapo ordnete ebenfalls an, einen Unteroffizier der Remonte Militärschule als angeblichen Freund Zieglers abzustellen, der als zweiter V-Mann in die Gruppe eingeschleust werden konnte. Die Gestapo verfasste sogar einen Bericht über die Zustände an der Remonte-Schule, den Wenningmann Kasper zukommen ließ. Die Aalener Zelle stand also fast von Anfang an unter der ‚Supervision‘ der Gestapo und wurde von ihr partiell fern- und fremdgesteuert.


Aufgespart für einen großen Schauprozess vor dem „Volksgerichtshof“

Die Gestapo beendet den Aalener Widerstandsversuch, als die Deliktpalette sich, wenn man so sagen darf, um den Versuch der „Ausspähung militärischer Geheimnisse“ und möglicher „Wehrmachtzersetzung“ (die erhoffte Ab- bzw. Anwerbung von Offizieren für die Sache des Kommunismus) erweitert hat, also auf Hoch- und Landesverrat plädiert werden kann: „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens, die Verfassung des Reiches mit Gewalt zu verändern“ (Anklageschrift). Den Aalener Widerständlern ist eine Falle gestellt worden, in die sie reichlich leichtfertig tappten.



Der Fall Kasper – ein Medienereignis

Der kleinen Gruppe kann nämlich so ein ‚großer Prozess‘ vor dem „Volksgerichtshof“ in Berlin gemacht werden, der erste, über den der „Völkische Beobachter“ (das Parteiorgan der NSDAP) ausführlich in drei Artikeln, teils in reißerischem Reportagestil, berichtet. Auch andere NS-Medien nutzen den Fall Kasper als Grundlage für einen Propagandafeldzug gegen die in Deutschland verbliebenen Kommunisten, gegen den Hunger- und Mangelstaat UdSSR, prangern die Aktivitäten der „Kommunistischen Internationale“ an und entwerfen zugleich ein einschüchterndes Bild vom „Volksgerichtshof“ und der ihm zuarbeitenden „Geheimen Staatspolizei“. Die sozialdemokratische Exilpresse präsentiert den Fall Kasper als verräterisches Exempel für die Praktiken der NS-Willkürjustiz.


Urteile

Peter Kasper wird am 15. Oktober 1938 vom „Volksgerichtshof“ wegen „Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Landesverrat“ zum Tod und zu dauerndem „Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“ verurteilt und am 14. März 1939 durch das Fallbeil hingerichtet. August Hirsch (später von 1948-73 Bürgermeister von Oberdorf) wird zu zwölf Jahren, Johannes Schneider zu fünf und Otto Sauter zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Johannes Schneider starb 1943 im KZ Neuengamme. Ihm ist schon ein Stolperstein auf dem Spritzenhausplatz gewidmet.



Eine Widerstandsgruppe auf der Ostalb

„Wenn einer fällt, stehen hundert wieder auf.“ (Peter Kasper)

Peter Kasper war ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er bereitete praktische Aktionen vor, doch zur Ausführung kam es nicht mehr. Vor Gericht bekannte er sich zum Sturz des „Hitler-Regimes“ als seinem Fernziel. Er hoffte auf einen künftigen Aufstand der deutschen Bevölkerung; nur sie könne den Nationalsozialismus besiegen. - Sein Tun wird anerkannt und geehrt in der Gedenkstätte Plötzensee, die an die Opfer der Unrechtsurteile der NS-Justiz erinnert. Dort wird mit Lebenslauf, Foto und weiteren Dokumenten seiner gedacht.

Auch in Aalen gab es mutige Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten versuchten. Wir sollten Peter Kasper und seine Freunde August Hirsch, Johannes Schneider und Otto Sauter nicht vergessen.

Wer das Gestern vergisst, wird auch das Morgen verlieren.

Während das Gestern immer mehr nach hinten zurücken scheint, schreitet es von vorne in Gestalt eines globalen Trends nach rechts - mit durchaus faschistoiden Tendenzen - wieder auf uns zu. Gegen einen solchen Angriff der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft sollten wir Widerstand leisten.

Bahnhofstraße 14, 73430 Aalen

Max Pfeffer wurde am 9. Oktober 1888 in Mingolsheim Kreis Bruchsal / Baden geboren. Er war jüdischer Abstammung, erlernte den Beruf des Schneiders und wurde Schneidermeister. Am Ersten Weltkrieg nahm Max Pfeffer von 1914 bis 1918 als deutscher Soldat teil. Als Sergeant bei der 10. Kompanie des Landes-Infanterie-Regiments 382 wurde er im Jahr 1918 mit der Silbernen Militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille am Bande ausgezeichnet. 

Am 12. Juni 1922 heiratete Max Pfeffer Johanna Magdalene Löhlein, die am 18. Oktober 1891 in Amberg geboren wurde. Zum Zeitpunkt der Eheschließung lebte die Familie von Johanna Magdalene in Aalen. Ihr Vater Georg Löhlein betrieb zu der Zeit ein Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft in Aalen, das sich in der Bahnhofstraße 14 befand. Die Eheschließung fand in Bruchsal statt. Max Pfeffer war zum Zeitpunkt der Eheschließung schon zum katholischen Glauben konvertiert, seine Ehefrau Johanna Magdalene war ebenfalls katholisch. Nach der Hochzeit mit Johanna Magdalene wurde Max Pfeffer am 1. Januar 1924 Mitgesellschafter der Firma von Georg Löhlein und war zu einem Viertel am Geschäft und zu einem Drittel am Gewinn beteiligt.


Gleich nach der Machtergreifung der Nazis kam es zu Boykottmaßnahmen gegen das Bekleidungsgeschäft aufgrund der Tatsache, dass Max Pfeffer jüdischer Abstammung war. Um das Überleben der Firma zu sichern, schied Max Pfeffer deshalb am 5. März 1934 als Mitgesellschafter aus der Firma aus. Im November 1934 starb sein Schwiegervater Georg Löhlein und das Geschäft ging auf die Erben über. Max Pfeffer arbeitete nun als angestellter Prokurist in der Firma weiter. Doch der Druck durch die Nazis nahm zu und die Firma konnte Max Pfeffer als Prokuristen schließlich nicht mehr halten. Am 13. Juni 1938 erlosch seine Prokura und Max Pfeffer schied endgültig aus der Firma aus. Nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde Max Pfeffer am 10. November verhaftet. Vom 12. November 1938 bis zum 12. Dezember 1938 war er im KZ Dachau inhaftiert. Danach reifte bei Max Pfeffer der Entschluss, aus Deutschland zu fliehen. Es gelang ihm schließlich, im September 1939 illegal nach Belgien zu entkommen und von dort nach Brasilien auszuwandern. Seine Frau wurde gedrängt, sich scheiden zu lassen. Die Scheidung wurde schließlich 1942 vollzogen.


Am 4. Oktober 1948 kehrte Max Pfeffer wieder zu seiner Familie nach Aalen zurück. Seine von ihm geschiedene Frau und seine beiden Töchter hatten auf seine Rückkehr gedrängt. Am 11. Januar 1949 heirateten Max Pfeffer und seine geschiedene Frau erneut, dieses Mal in Aalen. Max Pfeffer trat wieder als Gesellschafter in das Herrenbekleidungsgeschäft ein. Ab 1. Januar 1950 bestand das Geschäft als Kommanditgesellschaft mit Max Pfeffer und seiner Frau als Gesellschaftern.


Max Pfeffer hatte mit seiner Frau Johanna Magdalena zwei Töchter: Elisabeth, geb. am 30. Juli 1924, und Evi, geb. am 11. Juli 1927. Elisabeth wanderte schon in den fünfziger Jahren mit ihrem Mann Edwin Thele in die USA aus. Evi zog mit ihrem Mann Ernesto Bianco 1967 nach Italien in die Nähe von Mailand. Auch Johanna Magdalene Pfeffer und ihr Ehemann Max sind 1967 nach Norditalien in die Provinz Turin in die Nähe ihrer Tochter gezogen, wenige Wochen nachdem ihre Tochter Evi dorthin gezogen war.


Am 24.08.1969 starb Max Pfeffer im Alter von 80 Jahren im Krankenhaus der Comune di Torre Pellice in der Provinz Turin.

Auf dem Bild ist Anton Knödler als Soldat bei der Kriegsmarine zu sehen.
Anton Knödler als Soldat bei der Kriegsmarine (© Stadtarchiv Aalen)

Saumweg 9, 73431 Aalen

Anton Knödler wurde am 13. November 1915 als zweites von sechs Kindern in Mögglingen geboren. Seine Eltern waren der Friseur Anton Knödler und dessen Ehefrau Magdalena, geb. Stadelmaier. Familie Knödler wohnte damals in der Bahnhofstraße 48 (heute Bahnhofstraße 4).


Im Frühjahr und Sommer 1938 wurden durch die Gestapo und Kriminalpolizei mehr als 10.000 Menschen unter dem Vorwand verhaftet, dass diese zweimal nacheinander ihnen angebotene Arbeitsstellen abgelehnt hätten bzw. nicht arbeiten wollten. Im Rahmen dieser reichsweiten „Aktion Arbeitsscheu Reich“ wurde der 22-jährige Anton Knödler jun. in Schwäbisch Gmünd verhaftet und Anfang Juli 1938 mit weiteren Häftlingen in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt arbeitslos. Auf der Registrierungskarte in Buchenwald ist Knödlers Häftlings-Nr. „7846“ eingetragen, als Einlieferungsdatum „5.7.38/ 21 Uhr“ und als Beruf „Kalkwerks Hilfsarbeiter.“ Dann wurden ihm die Haare kurz geschoren. Jedem KZ-Häftling wurde entsprechend des Verhaftungsgrunds ein entsprechend farbiger „Winkel“ zugeordnet. Anton Knödler musste ein schwarzes Stoffdreieck („schwarzer Winkel“) auf seine Häftlingskleidung nähen, das ihn als sogenannten „Asozialen“ stigmatisierte.


Die KZ-Häftlinge wurden als Arbeitskräfte ausgebeutet. Die harte Arbeit im Steinbruch führte schnell zum körperlichen Verfall und zur Anfälligkeit für Krankheiten. Permanente Misshandlungen durch die SS-Kommandoführer und Kapos gehörten zum Alltag. Die Arbeitszeit betrug 14 - 16 Stunden täglich, auch bei Kälte und Regen. Zudem wurden die Häftlinge oftmals geschlagen und waren Demütigungen und psychischem Terror ausgesetzt. Viele starben unter diesen extremen Belastungen. Anton Knödler überstand diese Torturen und überlebte sogar eine Typhusepidemie, die im Lager ausbrach.


Am 19. April 1939 wurde Anton Knödler nach neunmonatiger Haft aufgrund einer Amnestie anlässlich des 50. Geburtstages von Adolf Hitler nach Hause entlassen. Unmittelbar darauf wurde der 23-Jährige in die Kriegsmarine eingezogen.


Am 2. September 1944 - also noch während des Kriegs - heiratete Anton Knödler die am 1. Juli 1919 in Aalen geborene Emma Babette, geb. Simon. Sie wohnte zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Vater Karl Albert Simon in der Hopfenstr. 28 in Aalen.


Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wohnte das Ehepaar Knödler in der Friedrichstr. 14 in Aalen. Als Berufsbezeichnung gab Anton Knödler bei seiner amtlichen Anmeldung Fabrikarbeiter an. Nachdem am 10. August 1945 Doris Emma zur Welt gekommen war, wohnte die Familie ab September 1946 in der Friedrichstraße 16. Dort wurde dann ein weiterer Sohn geboren. Im Mai 1958 zog die Familie in den Saumweg 9 auf den Rötenberg, wo eine weitere Tochter zur Welt kam.


In der Rötenberg-Siedlung, die ab 1951 in Aalen neu entstand, ließen sich insbesondere Kriegsflüchtlinge und Heimatvertriebene nieder, die aufgrund der großen Wohnungsnot nach dem Krieg anderweitig keine Mietwohnung finden konnten. Das Ehepaar Knödler wohnte dort bis zu ihrem Lebensende. Am 5. Oktober 1974 starb Anton Knödler im Alter von 59 Jahren, seine Ehefrau Emma am 12. Mai 1989 im Alter von 69 Jahren. Beide wurden in Aalen beerdigt.


Willy Hahn wohnte ebenfalls in der Rötenberg-Siedlung. Er heiratete Doris Emma Knödler. Aus dieser Ehe ging 1966 Harald Hahn hervor. Um auf das Schicksal seines Großvaters aufmerksam zu machen, schrieb und spielt Harald Hahn das Theaterstück „Monolog mit meinem „asozialen“ Großvater - Ein Häftling in Buchenwald.“

Auf dem Bild ist Rudolf Schreiber zu sehen
Rudolf Schreiber um 1920 (© Stadtarchiv Aalen)

Heidenheimer Str. 1, 73432 Aalen

Rudolf Schreiber wurde am 19. April 1899 als zweites von drei Kindern in Annen (Witten) geboren. Seine Eltern waren der jüdische Kaufmann Albert Schreiber und dessen Ehefrau Rosa, geb. Eppinghausen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Rudolf Schreiber im Mai 1917 als „Einjährig-Freiwilliger“ ins Heer ein und kämpfte bis November 1918 an der Front. Zum Sommersemester 1919 immatrikulierte sich Rudolf Schreiber im Studiengang Zahnheilkunde in Münster. Ab Mai 1920 setzte er sein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fort und wurde im Februar 1922 zum Dr. med. dent. promoviert. Anschließend konnte er immer nur kurzzeitig eine Anstellung finden, weshalb er nach Budapest zog. Am 14. Februar 1926 heiratete er dort Irene Günsberger, die am 12. Mai 1892 in Devecser in Ungarn geboren worden war. Sie stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie.


Vom Assistenzzahnarzt zum selbstständigen Zahnarzt in Unterkochen

Ab 1. April 1927 fand Dr. Rudolf Schreiber in der damaligen Zahnklinik (Bahnhofstraße 72) der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Aalen eine Anstellung als Assistenzzahnarzt. Bei seiner amtlichen Anmeldung hatten er und seine Ehefrau als Religionszugehörigkeit „evangelisch“ angegeben, d.h. beide hatten ihre jüdische Konfession bereits zuvor aufgegeben. Von da an wohnten sie in Aalen. Zum 1. Juni 1929 kündigte Rudolf Schreiber seine Stelle in der Zahnklinik, um sich als Zahnarzt in Unterkochen niederzulassen.

Das Ehepaar Schreiber richtete 1929 in Unterkochen ihre Praxis, ein zahntechnisches Labor und ihre Wohnung ein. Das Gebäude befand sich in der damaligen Hauptstraße 48 (heute Heidenheimer Str. 1). Ab Oktober 1929 praktizierte Dr. Rudolf Schreiber dort als Zahnarzt und ab 1. Januar 1930 war das Ehepaar Schreiber dort gemeldet. Irene Schreiber assistierte ihrem Ehemann in der Praxis, die einen großen Zulauf hatte. Ab 1931 praktizierte Dr. Rudolf Schreiber zusätzlich zweimal in der Woche in Oberkochen.


Rudolf Schreibers Engagement im „Stahlhelm“

Als ehemaliger Frontsoldat verehrte Rudolf Schreiber soldatische Tugenden, war patriotisch und fühlte sich dem verlorenen Kaiserreich verpflichtet. Entsprechend war er vermutlich bereits um 1920 dem paramilitärischen und demokratiefeindlichen Wehrverband „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ beigetreten. Die Mitgliedschaft erschien ihm so wichtig, dass – als der „Stahlhelm“ ab 1924 begann, jüdische Mitglieder auszuschließen – er seine jüdische Religion aufgab und evangelisch wurde. 1931 gründete Rudolf Schreiber in Unterkochen eine „Stahlhelm“-Ortsgruppe und fungierte ab 1932 als deren Ortsgruppenführer. Nachdem der „Stahlhelm“ sich zunehmend den rechtsradikalen Parteien annäherte, kam Rudolf Schreiber jedoch in einen Gewissenskonflikt, weshalb er seine Bedenken dem „Stahlhelm“-Vorsitzenden Franz Seldte in Berlin in einem Brief mitteilte. Als Rudolf Schreiber am 12. November 1932 auf dem Schießstand des Schützenvereins Unterkochen mit jungen „Stahlhelm“-Mitgliedern Schießübungen durchführte, demonstrierte er diesen auch die Bedienung eines Militärgewehrs, worauf er angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Im Rahmen eines Gnadenverfahrens wurde ihm die Strafe wieder erlassen.


Am 21. Januar 1933 veranstalteten die „Stahlhelm“-Ortsgruppen Unterkochen und Oberkochen eine Familienfeier zur Erinnerung an die Reichsgründung von 1871 im Gasthaus „Zum Hirsch“ in Oberkochen. Als Hauptredner distanzierte sich Schreiber von den Befürwortern eines „Dritten Reichs“. Offensichtlich sehnte er sich weiterhin nach dem Kaiserreich zurück.


Einem Brief vom 15. März 1933 ist zu entnehmen, dass Rudolf Schreiber in der Nacht zum 10. März vom Polizeirat in Aalen telefonisch gebeten wurde, „mit möglichst vielen […] Kameraden und mit möglichst vielen Waffen, angemeldet oder nicht, nach Aalen zur Unterstützung der Polizei zu kommen […].“ In jener Nacht wurden in Aalen sieben Kommunisten und eine Funktionärin in „Schutzhaft“ genommen. Schreiber und seine „Stahlhelmer“ sollten sich vermutlich bereithalten, sofern es zu Widerständen kommen sollte.


Doch selbst dieser Einsatz schützte ihn nicht vor den Repressalien der Nationalsozialisten. Am 7. April 1933 wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Kraft gesetzt und mit einer ergänzenden Verordnung vom 2. Juni 1933 sollte „nichtarischen“ Zahnärzten die Kassenzulassung entzogen werden. Obwohl Rudolf Schreiber evangelischer Konfession war, half ihm dies nicht, denn gemäß der NS-Rassenideologie galt er als „nichtarisch“ und wurde deshalb 1933 vermutlich aus dem „Stahlhelm“ ausgeschlossen. Am 18. April 1933 trat Rudolf Schreiber schließlich als „Stahlhelm“-Ortsgruppenführer in Unterkochen zurück.


Weitere Ausgrenzung und Flucht

Irene Schreiber schrieb nach dem Krieg: „Mein Mann […] begann, seine Praxis zu liquidieren. Noch ehe ihm das gänzlich gelungen war, wurde er im Februar 1934 verhaftet und sechs Wochen lang gefangen gehalten. Sofort nach seiner Befreiung verschleuderten wir einen Teil der Einrichtung und der Ordination und verließen Deutschland mit dem Rest der Möbel und einigen Stücken der Ordination im Mai 1934.“


1957 schrieb das Bürgermeisteramt Unterkochen im Zusammenhang mit amtlichen Nachforschungen der Wiedergutmachungsbehörde: „Es konnte lediglich in Erfahrung gebracht werden, dass Zahnarzt Dr. Schreiber jüdischer Abstammung gewesen sein soll […]. Im Übrigen soll Dr. Schreiber ein tüchtiger und ebenso beliebter Zahnarzt gewesen sein.“


Ursprünglich hatte das Ehepaar Schreiber geplant, im Mai 1934 nach Belgrad zu emigrieren, wo Irene Schreibers Schwester verheiratet war. Bei einem Zwischenaufenthalt in Budapest erkrankte Irene Schreiber, sodass daraus ein längerer Aufenthalt wurde. Da Dr. Rudolf Schreiber in Ungarn keine Arbeitserlaubnis erhielt, zog das Ehepaar 1936 nach Mailand, wo er als Zahntechniker arbeiten konnte. 1939 verlor er seine Arbeit, worauf das Ehepaar im Juni 1940 nach Budapest zurückkehrte. Dort angekommen, mussten sie ihre Reisepässe um die Vornamen „Israel“ bzw. „Sara“ „ergänzen“ lassen, denn sie waren nach wie vor deutsche Staatsbürger. Ungarn war Verbündeter des nationalsozialistischen Deutschland und hatte auch dessen diskriminierende Rassenpolitik übernommen. Mit dieser antisemitischen Stigmatisierung im Pass waren Schreibers bei einer Ausweiskontrolle jedoch sofort als Juden identifizierbar.


Bald darauf reiste das Ehepaar ins Königreich Jugoslawien, wo sie Anfang 1941 inhaftiert wurden, da sie ihre erlaubte Aufenthaltsdauer überschritten hatten. Am 6. April 1941 überfiel die Wehrmacht mit ihren Verbündeten das Königreich Jugoslawien. Serbien kam unter deutsche Militärverwaltung. Nun wurde das Ehepaar Schreiber durch die Wehrmacht in die Stadt Nis im Süden Serbiens verschleppt und musste fortan den „Judenstern“ tragen. Aus verschiedensten Anlässen kam es zu Erschießungsaktionen durch das Militär. Als das Ehepaar Schreiber Anfang 1942 auf einer Erschießungsliste stand, konnten sie gerade noch rechtzeitig in einen benachbarten Ort entkommen, wo sie sich dann „arische“ Ausweise besorgten. Aber auch dort wurde die Gestapo auf sie aufmerksam, worauf sie im November 1942 nach Koviljaca Banja im Nordwesten Serbiens flohen. Anfang September 1944 verließ Rudolf Schreiber den Ort, um seinen Schwager zu treffen. Der 45-jährige Rudolf Schreiber wurde, wie ein Zeuge berichtete, in der benachbarten Stadt Valjevo auf dem Lastwagen einer deutschen Patrouille als Gefangener erkannt und vermutlich bald darauf ermordet.


Kriegsende

Auch nach dem Kriegsende in Serbien blieb Rudolf Schreiber vermisst. Zehn Jahre war das Ehepaar in Europa umhergeirrt. Überall waren sie Ausgrenzung, Angst und Todesgefahr ausgesetzt. Im Dezember 1948 wanderte Irene Schreiber nach Israel aus. 1961 nahm sie im Alter von 69 Jahren das Angebot der Stadt München zur Rückwanderung an. Die letzten Jahre wohnte sie in Belgrad. Irene Schreiber starb am 22. Dezember 1975 im Alter von 83 Jahren.

Stolperschwellen in Aalen

Auf dem Bild ist die Stolperschwelle in Wasseralfingen zu sehen.
Stolperschwelle in Wasseralfingen (© F. Ludwig)

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